Krisenzustände
Das Thema des Jahres 2009 ist auch Leitmotiv der achten Folge der „Deutschen Zustände“: Krise. In Krisenzeiten spitzen sich Prozesse sozialer Desintegration zu. Den Grundannahmen der GMF-Studien zufolge sind Desintegrationsprozesse Schlüsselfaktoren für die Entstehung und Verstärkung feindseliger Haltungen. Eine Erhöhung der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit war zu erwarten. Das Gegenteil ist der Fall: Die Zustimmungswerte zu fast allen Elementen des Syndroms Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit liegen 2009 unter denen des ersten Erhebungsjahres. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zustimmung zu sieben der zehn Elemente – teils minimal, teils deutlich – gesunken. Dies gilt insbesondere für die Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie und die Abwertung von Langzeitarbeitslosen.
Alte antijüdische Stereotype wirken fort
Den generellen Rückgang der GMF trotz Krise erklärt Heitmeyer unter anderem mit einer „Aufspaltung“ der Wahrnehmung in eine gesellschaftliche und eine private Sphäre („Der Gesellschaft geht es schlecht, aber mir geht es gut“). Es sei möglich, dass die Folgen der Krise erst auf uns zukämen „und sich dann zukünftig auch wieder verstärkt feindselige Haltungen gegenüber bestimmten Gruppen durchsetzen“ (S. 41). Gleichwohl dokumentiert die Untersuchung auch für 2009 einen hohen Grundbestand Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit: 23,6 Prozent der Befragten stimmten 2009 der Aussage ganz oder teilweise zu „Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die in Deutschland lebenden Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken“ (2008: 21,6 Prozent). „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“, meinten im vergangenen Jahr 21,4 Prozent (2008: 24 Prozent). Das Problem bleibt – allerdings relativiert die abnehmende Tendenz bei den meisten Syndromelementen die eine oder andere tendenziell alarmistische Botschaft in der achten Folge der „Deutschen Zustände“.
Wie in jedem Jahr werten Einzelstudien die Daten des GMF-Surveys genauer aus. So fragen Andreas Zick, Rebecca Lobitz und Eva Maria Groß nach den Mechanismen, mit denen Krisenwahrnehmungen Vorurteile fördern und die Idee menschlicher Gleichwertigkeit schwächen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass weniger das Gefühl individueller Betroffenheit durch die Krise Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit verstärke als eine kollektive Krisenwahrnehmung: das Gefühl zur Gruppe der Verlierer zu gehören. Populistische Propaganda, die „die Deutschen“ zu Opfern stilisiert und Belastungen durch andere betont, könne daher in weiten Teilen der Bevölkerung verfangen.
Julia Becker, Ulrich Wagner und Oliver Christ gehen den Gruppen nach, die für die Krise verantwortlich gemacht werden, und untersuchen den Zusammenhang mit Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Während nur wenige „die Ausländer“ als Schuldige ausmachen, stehen „Banker und Spekulanten“ an erster Stelle. Es zeigt sich: Je stärker die Befragten „Banker und Spekulanten“ als Verursacher der Krise nennen, „desto ausgeprägter sind ihre antisemitischen Ressentiments“ (S. 137). In dieser Hinsicht wirkten offenbar alte antijüdische Stereotype als „Finanzspekulanten“ und „Wucherer“ fort.
Gruppenidentität durch die Abgrenzung von anderen Gruppen
Als „Mutterland des nomadisierenden Finanzkapitals“ gelten Rechtsextremisten die USA – vor dem Hintergrund der Krise untersuchen Felix Knappertsbusch und Udo Kelle das Verhältnis von Antiamerikanismus und Antisemitismus. Mit Letzterem rücken sie ein Ressentiment in den Fokus, das aller Erfahrung nach und auch dem GMF-Survey zufolge verbreitet ist. Die Autoren gehen allerdings von einem sehr weiten Verständnis des Antiamerikanismus aus, das nicht nur die Vorstellung angeblicher Kulturlosigkeit der USA umfasst, sondern auch Haltungen in die Nähe des Antiamerikanismus bringt, die sich gegen einen unkontrollierten „amerikanischen“ Kapitalismus wenden und diesen von stärker an sozialer Balance orientierten „europäischen“ Modellen – wie der „sozialen Marktwirtschaft“ – abgrenzen (so gesehen, trüge sogar auch der Beitrag von Heribert Prantl im selben Band antiamerikanische Züge). Knappertsbusch und Kelle zeigen statistische Zusammenhänge zwischen antiamerikanischen und antisemitischen Einstellungen und führen dies darauf zurück, dass sich beide Muster semantisch überschnitten – zum Beispiel im Begriff der „Ostküste“ – und dieselben Funktionen erfüllten: eine stabile Gruppenidentität durch die Abgrenzung von anderen Gruppen zu stiften.
Die Zahlenkolonnen des GMF-Surveys im ersten Teil der „Deutschen Zustände“ werden in bewährter Weise im zweiten durch journalistische Fallgeschichten ergänzt, darunter einfühlsame Reportagen wie der Beitrag von Matthias Drobinski und Roland Preuß über den Mord an der Ägypterin Marwa el-Sherbini im Dresdner Landgericht, Reaktionen und Wahrnehmungen. Am Beispiel von Anklam und Umgebung berichtet Dierk Borstel über eine „schleichende Normalisierung des Rechtsextremismus“ (S. 248) und beleuchtet dessen politische, ökonomische und kulturelle Facetten.
Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 8, Frankfurt/Main 2010, Suhrkamp, 322 Seiten, 15 Euro.
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