Kriegsvorbereitungen

Vor 70 Jahren, am 23. August, wurde der Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet – wenige Tage später überfiel die Deutsche Wehrmacht Polen.

Es blieb dem Berliner Historiker Ernst Nolte vorbehalten zu fragen, ob der Ursprung des deutschen Völkermordes an den Juden Europas überhaupt ursprünglich gewesen sei – unvergleichbar und einmalig? „War nicht der ‘Archipel Gulag’ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ‘Klassenmord’ der Bolschewiki das logische und faktische Primus des Rassenmords der Nationalsozialisten?“, hatte Nolte Ende der 70er Jahre in einem Zeitungsbeitrag gefragt, der ursprünglich als Rede geplant war? Die Antworten kamen prompt, unter anderem von den renommierten Historikern Jürgen Habermas und Hans-Ulrich Wehler. Nolte landete mit seinem Versuch, den Nationalsozialismus zu entlasten, im Abseits.

Ähnlich ging es allen Schönfärbern, die versucht haben, die Schuld am Zweiten Weltkrieg dem sowjetischen Diktator Josef Stalin anzulasten. Von ihm, so behaupteten sie, sei auch die Initiative für einen Pakt ausgegangen, der vor 70 Jahren geschlossen und bewusst nicht geheim gehalten wurde: der Hitler-Stalin-Pakt. Er wurde am 23. August 1939 vom deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und vom Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare und Kommissar für Äußeres der Sowjetunion, Wjatscheslaw M. Molotow, unterschrieben und hätte deshalb deren Namen tragen können. Doch Hitler wollte sich selbst mit dem Dokument verbunden sehen. Sein Propagandaminister Joseph Goebbels hatte das Abkommen als „Meisterstück“ des „Diplomaten“ Hitler gerühmt. Er tat dies bewusst, weil Hitler die UdSSR über viele Jahre hinweg als den „Hort des jüdischen Weltbolschewismus“ denunziert hatte. Plötzlich, so schien es, war aus dem Feind ein treuer Freund und Verbündeter geworden, mit dem man einen „Nichtangriffspakt“ schließen konnte.

Die Welt zeigte sich von der neuen Freundschaft völlig überrascht. Sozialistische Emigranten waren schockiert. Nur Moskau hatten sie zugetraut, den Imperialisten Hitler zu stoppen – auch trotz des „Anschlusses“ Österreichs und der Zerschlagung der Tschechischen Republik.

Dabei war die Unterzeichnung durchaus nicht sozusagen vom Himmel gefallen, sondern während vieler deutsch-sowjetischer Geheimtreffen sorgfältig vorbereitet worden. Im Fokus beider Regierungen stand die Absicht, Polen zu zerschlagen. Die Nationalsozialisten wollten den Nachbarn überfallen, auch um ihr Reich im Osten zu vergrößern. Moskau hatte es ebenfalls auf Polen abgesehen, um gleichzeitig in den baltischen Staaten Fuß zu fassen. Offiziell hieß der Pakt „Nichtangriffspakt“. Der eigentliche Zweck des Bündnisses stand freilich in geheimen „Zusatzprotokollen“. In ihnen sicherten sich die beiden Mächte zu, ihre Einflussbereiche auszudehnen und sich dabei nicht gegenseitig zu behindern. Hitler konnte nun, ohne Moskau zu fürchten, Polen überfallen und unterjochen. Moskau auf der anderen Seite wusste nun, dass es in Ostpolen einrücken könne, ohne von Berlin gestört zu werden.

Um die neue Freundschaft öffentlich zu dokumentieren, war von Ribbentrop demonstrativ von Berlin nach Moskau gestartet. Der Abflug wurde breit in der Wochenschau gefeiert. Seht her, da geschieht etwas Besonderes. Sieben Tage später, am 1. September 1939, überschritten deutsche Truppen die polnische Westgrenze. Dass daraus der Zweite Weltkrieg werden würde, konnte damals wohl noch niemand sagen. Als aber wenig später England und Frankreich ihren Bündnispflichten gegenüber Polen nachkamen, zeichnete sich ein großer Krieg ab, der zum Zweiten Weltkrieg wurde. Völlig klar wurde das nach dem Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR am 22. Juni 1941.

Man darf unterstellen, dass der Entschluss zum Krieg gegen die Sowjetunion schon viel früher gefallen war. Historisch nachweisbar ist das spätestens seit der „Führer-Weisung Nr. 21“ vom 18. Dezember 1939 – nur vier Monate nach dem Pakt mit Moskau. In dieser „Weisung“ gab Hitler den Befehl, das „Unternehmen Barbarossa“ konkret zu planen. Damit nahm Hitler den Zweiten Weltkrieg in Kauf – der, um es noch einmal festzustellen, nicht ausgebrochen ist. Nach fünfeinhalb Jahren lag Deutschland am Boden, hatte seine nationale Einheit verloren und den Tod von weit mehr als 50 Millionen Menschen zu verantworten. Der Krieg ist vom Zaun gebrochen worden durch das Deutsche Reich und eben nicht „ausgebrochen“, wie leider noch immer hier und da formuliert wird.

06. 08. 2009 - Heiner Lichtenstein

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