Im Herzen der Stadt

Am 13. Juni trafen sich rund 300 Rechtsextreme zum "8. Thüringentag" in Arnstadt. Die Gegenwehr der Zivilgesellschaft fiel verhalten aus.

Ein hohes schmiedeeisernes Tor trennte das Schlossfest an der Neideck-Ruine in Arnstadt an diesem Wochenende vom „Thüringentag der nationalen Jugend“ im angrenzenden Schlosspark der Stadt. Während hunderte von älteren Leuten und einheimischen Familien unter weißen Baldachinen Kaffee und Kuchen aßen, spielten nicht weit entfernt Neonazi-Bands ihre einschlägigen Lieder. Absperrgitter der Polizei sollten die rund 300 rechtsextremen Besucher in ihre Schranken weisen, doch immer wieder herrschte reger Durchgangsverkehr von einem Fest zum anderen. Wobei das Tor nur in Ausnahmefällen von Stadtbediensteten geöffnet wurde, etwa als die Rechten frisches Wasser im Kanister holen wollten. Doch auch Umwege hielten nicht auf. Neugierige Kinder und Jugendliche fühlten sich von dem braunen Spektakel magisch angezogen. Einzelne von ihnen standen staunend vor den Ständen mit Szeneklamotten.

Zum 8. Thüringentag hatten Freie Kräfte um Ralf Wohlleben und Patrick Wiedorn eingeladen. Der thüringische NPD-Chef Frank Schwerdt erschien erst am Spätnachmittag, er hatte zuvor mit einer kleinen Gruppe von Parteikadern den Landtag in Erfurt besucht. Insbesondere Anhänger des expandierenden „Freien Netzes“ aus Sachsen und Bayern, aus militanten Kameradschaften wie der Nationalen Offensive Schaumburg und den sich „Syndikat Z“ nennenden Autonomen Nationalisten aus Dortmund nutzten das Fest zur Selbstdarstellung. So sprachen u.a. Tony Gentsch aus Hof, sowie der frühere Anhänger der verbotenen „Fränkischen Aktionsfront“ Matthias Fischer.

Bilder malen mit den Rechten

Neben dem Infostand des „nationalen Antikriegstages in Dortmund“ warben niedersächsische und ostwestfälische Rechte für eine Demonstration in Bad Nenndorf, unter ihnen Arwid S., der im Oktober 2007 zu 26 Monaten Haft verurteilt worden war. Eine andere Initiative bot den Kameraden Informationsmaterial mit der Forderung „Genderterror abschaffen“. Ehemalige Skingirls aus dem Umfeld von Isabell Pohl vom „Feenwald-Projekt“ betreuten anwesende Kinder mit Dosenwerfen und Malereien. Ein kleines Mädchen mit Zöpfen trug ein schwarzes T-Shirt mit einem Thorshammer. Auf dem Pullover eines größeren Jungen stand „Wikinger“. Während sie malten, tönte bereits die Musik einer Rechtsrock-Band aus den Lautsprechern.

Als die Liedermacher Maximilian und Tobias auftraten und das Rennsteig-Lied anstimmten, sangen vor allem die Frauen und Männer aus den Reihen der kürzlich verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ begeistert mit. Nicht nur die Arnstädter Steffen Hennrich und Marlene Schneider fühlten sich sichtlich wohl zwischen schwarz-gekleideten Autonomen Nationalisten und zutätowierten Skins. Der Eisenacher Lars Mittelbach unterhielt sich angeregt mit einem Ordner. Ein anderer, der auch an einer HDJ-Wanderung 2008 in Eisenach teilgenommen hatte, wippte seinen kleinen Sohn auf der Schulter. Im Laufe des Nachmittags spielten vor allem Fight Tonight, Libertin und die Cottbusser Rechtsrockband Frontalkraft sehr laute, schnelle Musik.

bunte Ringelpullover statt Szenekluft

Weder braune Töne noch politische Reden schienen jugendgerecht. So warb AN-Stratege Dennis Giemsch aus Dortmund auf der Bühne für seine nationale Antikriegsinitiative. Dabei forderte er: „Die politische und wirtschaftliche Freiheit und die Souveränität unserer Nation, wie auch der ideologische Fortbestand von Volk und Rasse werden uns nicht geschenkt, wir müssen sie erkämpfen!“ Scheinbar in Absprache mit Wohlleben hatten einige der Anführer ihr sonstiges Outfit abgelegt: sie trugen bunte Ringelpullover.

Erwartungsgemäß schlug Dennis Bührig, als militant geltender Aktivist der „Kameradschaft Celle 73“, äußerst antisemitische Töne an und huldigte offen seinem Hang zum Nationalsozialismus. Er hetzte gegen die „weltweite zionistische Bedrohung“ und die „Überfremdung“ und rief dazu auf: „Helfen wir alle mit vollem Einsatz, unser Volk auferstehen zu lassen“. Und „zeigen wir der Welt, dass das deutsche Volk sich nicht auf Dauer unterdrücken lässt“. So solle es „wie Phoenix aus der Asche“ auferstehen und die „Ketten der Knechtschaft“ sprengen. In Anlehnung an die nationalsozialistische Waffen-SS ermahnte Bührig: „Kämpfen wir in der Tradition unserer Kameraden“, welche „heute Verbrecher genannt werden“. Mit direktem Bezug auf die Hakenkreuzfahne forderte er: „Tragen wir die Fahne im Herzen unter der unsere Großväter fielen und lassen sie zu neuem Leben erwachsen!“ Dann zitierte er ein Gedicht mit dem Titel: „An einen Arbeiter“, welches „aus besseren Zeiten“ stamme.

rechtsextreme Familienpolitik

Als einzige weibliche Vertreterin durfte Isabell Pohl, ehemalige Anhängerin der „Aktiven Frauen-Fraktion“ auf die Bühne. Wie es von ihr erwartet wurde, widmete sich die Erfurterin dem Thema Kinder und Familie. Sie wünsche sich mehr „deutsche Geschichte“ in den Schulen, „damit die Kinder die Ehrfurcht vor der Vergangenheit“ lernten. Ihre Parole hieß: „deutsche Menschen“ sollten die Welt mit „mit deutschen Augen und deutschen Herzen“ sehen. Denn wenn es um die Kinder gehe, so Pohl, „will man das Beste für sie“. Das sei aber nicht „diese Bildungspolitik“, „nicht diese Frauenpolitik, nicht diese Gesetzespolitik – und das ist nicht dieser Staat!“.

Während die Neonazis ungeniert ihren „nationalen Sozialismus“ im „Herzen“ Arnstadts feierten, setzte sich der Bürgermeister der Stadt nur wenige hundert Meter weiter fröhlich zu älteren Damen auf eine Besucherbank am Schloss. Hans-Christian Köllmer von „Pro Arnstadt“ hatte es nicht für nötig befunden, die kleine Gegendemonstration der „AG Demokratie braucht Zivilcourage“ am Kreisel, auf der anderen Seite des Parks, zu unterstützen. Im Gegenteil: So sollen auf sein Geheiß hin, Plakate mit der Aufschrift „Bunte Vielfalt statt brauner Einfalt“ im Vorfeld von Bauhofmitarbeitern wieder entfernt worden sein, wie Lokalzeitungen berichten. Bereits im Mai hatte Köllmer im Stadtrat von Arnstadt für Empörung gesorgt, weil er den bevorstehenden „Thüringentag“ der Neonazis nicht bekanntgegeben und danach noch heruntergespielt habe.

Bürgermeister mit Gschmäckle

Es kam zum „Eklat“, als Köllmer während einer Debatte zum gemeinsamen Vorgehen aller Fraktionen schwadronierte, er entgegne allen, „die ihn für einen kleinen Nazi“ hielten: „Im Nazi ist mir zu viel Sozialismus drin!“ Nicht der erste Ausfall des Arnstädter Bürgermeisters, der 2006 mit über 50 Prozent der Stimmen gewählt wurde. Vor Jahren fuhr er mit einem Aufkleber an seinem Dienst-Benz herum, auf dem stand: „Ich bin die Waffenlobby“. Als Proteste aufkamen, drohte er den Stadtratsmitgliedern mit Ausschluss. Auch behielt der Rechtskonservative den Kontakt zu Jörg Haider bei. Auf Fotos zeigte sich Köllmer stolz mit dem inzwischen verstorbenen österreichischen Populisten. In diesem Jahr habe sich Köllmer geweigert, einen Gedenktag zum 60. Jahrestag des Kriegsendes auszurichten, schrieb ein SPD-Stadtratsmitglied in einem offenen Brief empört. Gegen eine Feier der NPD im Schlosspark hat der Bürgermeister jedoch nichts. Zeitungen zitieren ihn mit der Frage: „Warum sollten wir die Veranstaltung nicht genehmigen?“

Und so fanden viel zu wenig couragierte Arnstädter den Weg zur Gegendemonstration am 13. Juni. Von den Bürgern taten es die meisten ihrem Bürgermeister gleich: Sie versperrten den Blick, ließen die Neonazis gewähren und feierten ihr Volksfest. Der Protest junger Antifaschisten, weniger Lokalaktivisten, sowie einer Samba-Gruppe drang nicht bis zu den Neonazis im Schlosspark vor. Eine niedrige Hemmschwelle für Sympathisanten und Neugierige. Nichts hielt die Gruppen interessierter Kinder und Jugendlicher, sowie einiger noch zögerlicher Familien mit Kinderwagen schließlich davon ab, sich doch mal neugierig auf dem „Thüringentag der nationalen Jugend“ umzusehen. Auf die Frage, warum er sich für die Neonazis interessiere, antwortete ein Junge: „Langeweile!“

17. 06. 2009 - Andrea Röpke

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