Hochherrschaftliche Dichtung

Von Heiner Lichtenstein
19.08.2009 - Auch das Fürstentum Liechtenstein hat eine ziemlich trübe Rolle bei der Hilfe für NS-Verfolgte gespielt.

Wer sich öffentlich zur NS-Zeit äußert, kommt am Holocaust nicht vorbei. Wer meint, in der Öffentlichkeit etwas zum Völkermord sagen zu müssen, ist gut beraten, sich vorher kundig zu machen. Das gilt auch oder gerade für Staatsoberhäupter. Fürst Hans Adam II. ist das Oberhaupt des Fürstentums Liechtenstein, verfügt aber nicht immer über die Qualitäten, die man von ihm erwartet. Oder gerade doch? Hans Adam II. neigt dazu, vor der Öffentlichkeit oder in Interviews – und das ist ja auch die Öffentlichkeit – seine Sicht der Zeit des Nationalsozialismus darzulegen.

In dem Fürstentum ebenso wie in der benachbarten Schweiz gibt es zahlreiche hervorragende Zeithistoriker. Genannt sei hier für viele andere der leider schon verstorbene Schweizer Walther Hofer, ein international hoch geschätzter Wissenschaftler. Er war es, der bereits früh über die ziemlich trübe Rolle des Alpenlandes bei der Hilfe für NS-Verfolgte Stellung bezogen hat. Der Regierende Fürst des Nachbarlandes scheint für den Rat von Experten resistent zu sein. Sonst würde er nicht behaupten, sein Land und die Schweiz hätten vielen Juden Asyl gewährt und ihnen dadurch das Leben gerettet. Das Gegenteil ist der Fall. Viele sind von beiden Staaten abgewiesen und diesseits der Grenze von deutschen Beamten direkt nach Auschwitz deportiert worden. Das ist die Wahrheit.

Dass das Auswärtige Amt zum Fürsten und seine abstrusen Behauptungen nicht Stellung nehmen will, ist unter diplomatischen Aspekten zu verstehen. Dass der Zentralrat der Juden in Deutschland dem Fürsten empfiehlt, in den Ruhestand zu gehen, ist geradezu mild. Und nachsichtig. Die Schweiz hat ihre trübe Rolle während der NS-Zeit einschließlich des miesen Goldhandels aufgearbeitet und 1,25 Milliarden Dollar an Hinterbliebene gezahlt. Dem Fürstentum steht der längst überfällige Gang nach Canossa noch bevor. Je eher er getan wird, desto leichter wird er werden. Dass er kommen wird, ist nicht zweifelhaft. Das haben schon andere Staaten – meist unter Druck von außen – eingesehen und sich der Geschichte gestellt.

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