Hinsehen, wenn sich Rassismus breit macht

Von Uwe-Karsten Heye ist Chefredakteur des „vorwärts“. Der Beitrag ist in der September-Ausgabe des „vorwärts“ erschienen.
03.09.2007 - Von Uwe-Karsten Heye

Nach Halberstadt in Sachsen-Anhalt, wo eine Gruppe Schauspieler von Neonazis verprügelt wurde, haben wir uns nun Mügeln in Sachsen zu merken. Wieder einmal ist das Erschrecken groß: Acht Menschen, zufällig aus Indien, werden beim Altstadtfest durch die Straßen gehetzt. Wieder einmal ein Bürgermeister, der abwiegelt und zurückweist und mitteilt, dass die Horde alkoholisierter Täter, die ihre Opfer krankenhausreif schlugen, nicht aus seiner Stadt kommen könnten, denn dort kenne man sich doch.
Auch hier bildet sich ein bekanntes Ritual ab, das vor allem vermeidet, genauer hinzusehen. Mügeln ist ein weiteres Beispiel dafür, wohin es führt, wenn das wirkliche Problem verdrängt wird. Für den Bürgermeister ist klar, in Mügeln gibt es keinen Rechtsradikalismus. Wenn alle wegsehen, kann unbehelligt wachsen, was sich dann irgendwann entlädt, vor allem, wenn Alkohol im Spiel ist. In Mügeln machten 50 bis 70 rechtsradikale Sprüche skandierende Jugendliche Jagd auf das, was ihnen fremd ist.

Die ostdeutsche Schriftstellerin Christa Wolf lässt Kassandra sagen: „Alles wird sich vor ihren Augen abspielen, und sie werden nichts sehen.“ Es ist Zeit hinzusehen, wenn sich Rassismus und Extremismus breit zu machen beginnen. Die Ursachen zu bekämpfen, heißt auch, die ländlichen Räume in den neuen Ländern nicht weiter kulturell veröden zu lassen, Schulen nicht zu schließen und Jugendclubs nicht dicht zu machen. Sonst werden rechtsextreme Parteien das Vakuum füllen, das von Lokalpatriotismus blinde Bürgermeister und bagatellisierende Politiker entstehen lassen.

Erschienen in: Meinung

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