Geisterarmee

Von Werner Loewe
09.08.2010 - Die Charta der Heimatvertriebenen – ein Dokument der Geschichtsklitterung und Anmaßung.

Ich bin ein Flüchtling, ein Vertriebener. Meine Eltern stammen aus Oberschlesien, ich bin in Pommern geboren. Im Alter von vier Jahren kam ich mit einem der großen Flüchtlingstrecks über das Grenzdurchgangslager Friedland nach Norddeutschland. Am 5. August feierte der Bund der Vertriebenen (BdV) im Stuttgarter Schloss in einem Festakt den 60. Jahrestag der Verkündung der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“. Was wurde da gefeiert und wer sind die Veranstalter dieses Festaktes?

Der BdV hat nach Aussagen führender Vertreter rund zwei Millionen Vertriebene als Mitglieder. Recherchen der Nachrichtenagentur ddp Anfang des Jahres bei sämtlichen Landesverbänden mit Ausnahme Mecklenburg-Vorpommerns ergaben indessen, dass unter dem Dach des Verbandes lediglich rund 550 000 Mitglieder organisiert sind. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden Karl Korn hielt auch diese Zahl noch für eine haltlose Übertreibung weit entfernt von der Realität, ihm scheint eine Zahl von unter 100 000 realistisch. Die Verbandsspitze reagierte mit wütenden Einwänden und beharrte auf ihren zwei Millionen. Nachvollziehbare Zahlen kann oder will sie aber nicht vorlegen.

Im Streit um die personelle Besetzung der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ hatte der BdV auf die Erwartungen von Millionen Heimatvertriebener hingewiesen, seine Präsidentin Erika Steinbach (CDU) hatte in diesem Zusammenhang von 15 Millionen Menschen gesprochen. Damit beansprucht sie unverfroren für sich und ihren Verband die Vertretung sämtlicher Heimatvertriebenen und mehrerer Generationen von Nachkommen. Doch für deren übergroße Mehrheit dürfte unstreitig sein: Nicht in unserem Namen!

Verlogenes Pathos

Noch mehr als diese Geisterarmee von vermeintlichen Vertriebenen dürften die inhaltlichen Positionen des Bundes und der Charta auf Ablehnung stoßen. „Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung“, so der immer wieder zitierte Satz aus der Charta. Das ist nicht nur eine reichlich dreiste Anmaßung – nach dem von Nazi-Deutschland angezettelten Krieg lag das besiegte Land 1950 noch in Trümmern, wer hätte überhaupt Rache und Vergeltung üben können? Und Rache wofür? Dass Hitlers Heere halb Europa verwüstet hatten? Man wüsste auch gern, wem hätte die Rache gelten sollen, auf die man so großmütig verzichtet.

Das ethische Pathos dieses Satzes ist aber auch noch zutiefst verlogen, wie Otto Köhler in einem akribisch recherchierten Beitrag für den Deutschlandfunk belegen kann. Der ehemalige SS-Obersturmbannführer Rudolf Wagner, im Jahr 2000 der letzte noch lebende Mitverfasser und Unterzeichner der Charta räumte in einem Gespräch mit der Welt lachend ein: „Ja, das haben wir doch tun müssen. Wir konnten doch nicht sagen, wir wollen Rache nehmen, das ist doch keine Politik.“ Die Charta ein historisches Dokument von hohem Wert, wie Erika Steinbach beim Festakt behauptete? „Durch sie haben Sie, haben wir ein moralisches Fundament über den Tag hinaus geschaffen“, so die Präsidentin des BdV.

„Paradebeispiel deutscher Verdrängungskünste“

Das sehen viele Kritiker deutlich anders. „ Die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden“, heißt es unter anderem in der Charta. Mitverantwortung? Vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffene? .Ralph Giordano, den Steinbach in ihrer Rede zum Festakt als „Freund“ vereinnahmen wollte, erhebt im „Cicero“ nachdrücklich Einspruch: „In der Charta der deutschen Heimatvertriebenen fehlt jede Spur der Vorgeschichte! Und das, obwohl 1950 noch die offenen Gräber des Vernichtungskriegs rauchten, seine Wunden gänzlich unvernarbt waren und die Schrecken der deutschen Okkupation allgegenwärtig. … Massenvertreibungen und Zwangsverpflanzungen ganzer Völkerschaften unter deutscher Herrschaft? Ein weißgeblutetes Polen, das tschechische Lidice, Russlands verbrannte Erde, gar Auschwitz? Aus dem Gedächtnis gewischt, wie die Jubelorgien beim Einmarsch deutscher Truppen in das Sudetenland.“ Die Charta sei ein „Paradebeispiel deutscher Verdrängungskünste“.

Das kann kaum verwundern: Ein Drittel der Erstunterzeichner der Charta waren überzeugte Nazis, einige bekleideten höhere Ränge in der SS und waren in den besetzten Gebieten an Vertreibung, Judenverfolgung und Ermordung direkt beteiligt.

Der Text ist auf vorwärts.de erschienen.

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