Erosion der Werte

Von Gabriele Nandlinger
04.12.2009 - Der aktuelle Jahresreport „Deutsche Zustände“ von Wilhelm Heitmeyer und seinem Team untersucht die Auswirkungen der Krise auf das soziale Zusammenleben der Gesellschaft.

Die Krise ist das diesjährige Leitmotiv des Reports „Deutsche Zustände“. Deren achte Folge wurde am Freitag von dem Bielefelder Wissenschaftler Wilhelm Heitmeyer und seinem Team vor der Presse in Berlin vorgestellt.

Die Bielefelder Konfliktforschern untersuchen alljährlich das Ausmaß der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (GMF) . Dieses Syndrom,gemeinsamer Kern ist die Ideologie der Ungleichheit, enthält aktuell zehn Elemente, darunter Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Die Forscher halten zwar fest, dass beim GMF-Syndrom in der achten Folge die Werte bis auf wenige Ausnahmen geringer ausgefallen seien als bei der ersten Erhebung im Jahr 2002. Allerdings fällt auf, dass im Vergleich zum Vorjahr heute wieder mehr Befragte die Meinung vertreten, dass in Deutschland lebende Ausländer zurückgeschickt werden sollten, wenn Arbeitsplätze knapp werden (23,6 Prozent), 2008 waren 21,6 Prozent. Angewachsen ist im Vergleich zum Vorjahr auch die Zustimmung zu antisemitischen Ressentiments.

Zentrale Kernnormen der Gesellschaft werden zunehmend in Frage gestellt

Die achte Folge des Jahresreports befasst sich mit der Frage, wie und von welchen Bevölkerungskreisen besonders die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise wahrgenommen wird und inwieweit dies Auswirkungen auf das soziale Zusammenleben in der Gesellschaft hat? Das Fazit ist durchaus ernüchternd: Zentrale Kernnormen der Gesellschaft wie Solidarität, Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit werden zunehmend in Frage gestellt. Etwa 40 Prozent der Befragten sehen sich durch die Krise persönlich betroffen. Angehörige der Mittelschicht haben besonders Furcht vor drohendem sozialem Abstieg. Vier Fünftel der Befragten vertreten die Ansicht, dass „Leute wie ich“ letztendlich die Wirtschaftskrise ausbaden müssten. Die Forscher wollten hier insbesondere wissen, ob die Krise Auswirkungen auf das Ausmaß der „Gruppenfeindlichen Menschenfeindlichkeit“ hat? Und die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass bei den Menschen, die sich von der Krise betroffen fühlen, die Zustimmungswerte für sämtliche Elemente des GMF-Syndroms durchwegs höher lagen als bei Nichtbetroffenen.

Als ursächlich für die Krise werden von rund 90 Prozent der Befragten „Banker und Spekulanten“ beschuldigt. Für die Forscher zeigt sich denn auch ein Zusammenhang zu stärkeren antisemitischen Ressentiments bei denjenigen auf, die sich durch die Krise bedroht fühlten, denn hier greife das Stereotyp vom Juden als Finanzspekulant. Nicht beobachtet wurde nämlich ein solcher Anstieg bei Personen, die dem Wirtschaftssystem die Schuld an der Krise zuschreiben.

„Anknüpfungsmöglichkeiten für rechtspopulistische Mobilisierer“

Selbst in den oberen sozialen Schichten glauben 57 Prozent der befragten Personen, ohnehin keinen Einfluss auf das zu haben, was die Regierung tut, bei denen, die den unteren zugerechnet werden, sind das beinahe 75 Prozent. Eine fatale Entwicklung sehen die Wissenschaftler darin, dass sich die unteren sozialen Schichten mehr und mehr von der Gesellschaft verabschieden. Mehr als 90 Prozent empfinden große Wut, verzichten aber weitgehend auf politische Partizipation. „Diese gefährliche Kombination für die Demokratie wird von politischen Eliten nicht angemessen wahrgenommen“, warnen die Bielefelder. Eine demokratische Repolitisierung der besonders betroffenen und unzufriedenen Gruppen speziell aus der unteren sozialen Lage ist nach Ansicht der Forscher nicht in Sicht. Hier entstünden „eher Anknüpfungsmöglichkeiten für rechtspopulistische Mobilisierer“, wird befürchtet.

Das Problem ist bekanntlich keineswegs auf die Bundesrepublik Deutschland beschränkt, dies zeigen auch die Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudie auf, die das GMF-Syndrom in acht europäischen Ländern untersucht hat: Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, die Niederlande, Portugal, Polen und Ungarn. Vorurteile gegenüber Einwanderern hegen demnach 42,4 Prozent der befragten Deutschen und 48 Prozent sind es im Durchschnitt der europäischen Länder. Der Aussage: „Juden versuchen heute Vorteile daraus zu ziehen, dass sie während der Nazi-Zeit die Opfer gewesen sind“, haben 48,9 Prozent der Deutschen zugestimmt, während es europaweit durchschnittlich 42,2 Prozent waren. Eine Ausnahme bilden die osteuropäischen Länder. Bei den antisemitischen Ressentiments liegen die Zustimmungswerte mit 72,2 Prozent in Polen und 68 Prozent in Ungarn deutlich höher, gegen die Einwanderer haben sich in Polen 74 und in Ungarn 71,1 Prozent ausgesprochen. Bei der Ablehnung des Islams sind sich die Europäer weitgehend einig: In Deutschland sind dies 52,5 und europaweit 54,4 Prozent, höher ist die antiislamische Grundstimmung demnach in Italien (60,4), Portugal (62,2) und Polen (61,5). In Punkto Vorurteilen gegenüber Einwanderern, Muslimen oder Schwarzen liegt Deutschland im Mittelfeld verglichen mit anderen europäischen Ländern, halten die Bielefelder Wissenschaftler denn auch fest. Grund zur Beruhigung ist das aber nicht.
Wilhelm Heitmeyer warnte, es drohe die Gefahr, dass die Finanzkrise und damit die Wirtschaftskrise sich zunehmend zu einer Gesellschaftskrise entwickelten. Und dies könne Folgen für das demokratische System insgesamt haben.

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