Man muss lange suchen, ehe man in der Literatur oder in Archiven das Stichwort „Kriegsverrat“ findet. Nicht einmal das „Ploetz- Lexikon“ über das „Dritte Reich“ aus dem Jahr 1983 kennt diesen Begriff. Er kam erst Anfang dieses Jahrhunderts ins Gespräch, als im Deutschen Bundestag über die Rehabilitierung von Deserteuren der Wehrmacht öffentlich nachgedacht wurde. Da war er plötzlich da – der „Kriegsverrat“. Der Historiker Wolfram Wette hatte ihn längst erforscht. Es war eine Erweiterung des Straftatbestandes der „Feindbegünstigung“, der in allen Krieg führenden Ländern von der Justiz verfolgt wird.
Den Nazis reichte das aber nicht aus. Sie bedrohten mit dem Tode, wer es wagte, am „Endsieg“ zu zweifeln oder im kleinen Kreis über die Kriegslage zu diskutieren. Bereits 1934, also nur ein Jahr ihrer Machtübernahme, trat das Gesetz in Kraft, was beweist, dass das neue Regime unbedingt den Krieg wollte. Es hat immerhin 75 Jahre gedauert, ehe die Opfer dieses Unrechtsparagraphen gestern rehabilitiert worden sind. 30 000 deutsche Soldaten – vorwiegend untere Dienstgrade – sind wegen „Kriegsverrats“ umgebracht worden. Offiziere kamen eher mit Zuchthausstrafen davon. Kein anderer Staat hat während des Zweiten Weltkrieges so viele eigene Soldaten umgebracht wie Deutschland. Das ist ein besonderes Kapitel unserer Zeitgeschichte, das leider hierzulande kaum beachtet worden ist und wird.
Die Opfer haben von der Rehabilitierung mit ganz wenigen Ausnahmen nichts mehr. Sie sind längst gestorben, falls sie das Ende des Krieges erlebt haben. Dennoch ist es gut, dass am Dienstag alle Fraktionen Ja gesagt haben. Dass kurze Zeit später im Berliner Bendler-Block, wo nach dem 20. Juli 1944 die ersten Attentäter gegen Hitler erschossen worden sind, das zentrale deutsche Ehrenmal enthüllt wurde, passt irgendwie nicht in diesen Zusammenhang. Damit hätte der Bundestag besser einen Tag gewartet.
