Eine Sternstunde der Politik

Von Heiner Lichtenstein
10.03.2010 - Die Begegnung David Ben Gurions und Konrad Adenauers im März vor 50 Jahren in New York hat die Grundlagen für die engen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel geschaffen.

Selbst im an hohe Staatsbesuche gewöhnten New York blieben die Passanten am 14. März 1960 staunend stehen. Vor dem Waldorf-Astoria wehten an diesem Vormittag zwei Fahnen, die man noch nie gemeinsam gesehen hatte. Die weiße Flagge mit dem blauen Magen David in der Mitte und die schwarz–rot–goldene mit dem schwarzen Bundesadler. Hohe Staatsgäste schienen dort zu logieren, Westdeutsche und Israelische. Doch um wen es sich handelte, darüber herrschte Ungewissheit – allerdings nicht lange.

Kurz nach neun Uhr bildete sich binnen weniger Minuten ein Pulk von Journalisten, die ins Hotel in der New Yorker City drängten. Sie blockierten anfangs die Lifte. Alle drückten auf den Knopf mit der Nummer 35. Dort, so hieß es, werde der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer den israelischen Regierungschef David Ben Gurion treffen. Als die Journalisten die 35. Etage erreichten, waren die Türen zu der inzwischen bekannten Suite bereits blockiert. Die beiden alten Herren – Ben Gurion war zehn Jahre jünger als Adenauer – hatten sich in der 35. Etage verabredet. Der Jüngere, also der Jude Ben Gurion, war zu dem Älteren, dem Katholiken Adenauer gegangen.

„Die Anerkennung einer moralischen Verantwortung ist wichtiger als die rein materiellen Aspekte“

Beide kannten sich noch nicht persönlich. Sie hatten zwar miteinander Briefe ausgetauscht, aber die Begegnung unter vier Augen vor 50 Jahren war ihr erstes persönliches Treffen. Es dauerte zwei Stunden und damit länger als ursprünglich verabredet, und es verlief in guter Atmosphäre. Das sagten beide zwar nicht vor der Presse. Dort hieß es sachlich, man habe Gedanken ausgetauscht und weitere Treffen vereinbart. In ihren Erinnerungen lobten beide Politiker aber die zwei Stunden. Adenauer schrieb in seinen Erinnerungen: „Die Begegnung machte auf mich einen tiefen Eindruck und wir fanden sogleich Kontakt zueinander.“ Ben Gurion meinte später, „die Anerkennung einer moralischen Verantwortung sei für ihn wichtiger als die rein materiellen Aspekte“.

Die Begegnung vor einem halben Jahrhundert war freilich nicht vom Himmel gefallen. Vorbereitet hatten sie im Wesentlichen der frühere US–General Julius Klein und Adenauers Außenminister Heinrich von Brentano. Der Termin allerdings ergab sich fast von selbst. Beide Politiker, der Sozialist Ben Gurion und der konservative Katholik Adenauer, befanden sich gleichzeitig in den USA. Bis zum nächsten Treffen vergingen allerdings sechs Jahre, ehe Adenauer einer Einladung der israelischen Regierung folgte.

Dennoch hat die Begegnung von 50 Jahren die Grundlagen für die engen Beziehungen geschaffen, die bis heute anhalten und die zu den alternativlosen Grundzügen deutscher Politik gehören, gleichgültig wer in Berlin regiert.

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