Ein gutes Verhandlungsergebnis

Von Heiner Lichtenstein
05.12.2006 - „Mit der Reichsbahn in den Tod“ kommt auf DB-Bahnhöfe.

Bei dem Streit um die Ausstellung „11 000 jüdische Kinder. Mit der Reichsbahn in den Tod“, die Bahnchef Hartmut Mehdorn nicht in Bahnhöfen seines Unternehmens zeigen wollte, war die Prognose ziemlich leicht, dass Mehdorn am Ende nachgeben wird. Dass es so schnell gehen werde, überrascht trotzdem. Noch vor wenigen Tagen hatte er argumentiert, die Vorstellung sei völlig unangemessen, Brötchen kauend und in großer Eile an den Bildtafeln mit Kindern auf der Fahrt in den Tod vorbei zu eilen.
Gegner Mehdorns hielten dagegen, gerade auf Bahnhöfen würden besonders viele Menschen erreicht, die dann während ihrer Reise über die Tafeln und die Vernichtungspolitik der Nazis nachdenken und Gespräche führen könnten. Solche Erfahrungen seien jedenfalls in Frankreich und in den Niederlanden gemacht worden. Millionen Europäern sei nämlich immer noch nicht bewusst, dass der Holocaust ohne die staatlichen Bahnen – an erster Stelle die „Deutsche Reichsbahn“ – gar nicht möglich gewesen wäre. Denn nur die Bahn konnte Massentransportmittel zur Verfügung stellen und sie hat das auch gegen Bezahlung immer gern getan. Das beweist unter anderem die Ausstellung im zentralen Museum der Bahn in Nürnberg.

Diese Exponate will Mehdorn nun zur Basis der Ausstellung machen. Eine gute Idee, weil diese Ausstellung auf Grund des einzigen Strafverfahrens gegen einen hohen Reichsbahnbeamten entstanden ist. Angeklagt wegen Beihilfe zum tausendfachen Mord war 1973 in Düsseldorf Albert Ganzenmüller, Staatssekretär des Reichsverkehrsministeriums. Das zu Beginn der Hauptverhandlung vorgetragene Gutachten über die Rolle der Reichsbahn beim Völkermord bildete die Grundlage für das Strafverfahren. Ganzenmüller wurde zwar kurz nach Eröffnung des Prozesses angeblich krank, er hat danach aber noch fast 20 Jahre vergnügt in München gelebt. Nach dem Prozess folgten lange Verhandlungen, ehe die Bahn sich bereit erklärte, in Nürnberg öffentlich an ihre Mitverantwortung zu erinnern. D ie Exponate und Tafeln haben Experten überprüft. Mit ihnen nun an die Öffentlichkeit zu gehen, ist ein gutes Ergebnis der Verhandlungen zwischen Mehdorn und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee. Glückwunsch!

Erschienen in: Meinung

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