Die Opfer brauchen Hilfe
In vielen Staaten und auch bei der UNO in New York ist am 27. Januar wieder der NS-Opfer gedacht worden. Es gab zwar viele mahnende Reden und Versprechen, diese einmaligen Opfer eines Terrorregimes nicht zu vergessen. Das half den noch lebenden vor allem jüdischen Greisinnen und Greisen aber nicht. Dabei ist ihre soziale Lage nicht nur schlimm, sie ist erbärmlich und es zeichnet sich keine Besserung ab. Diese Frauen und Männer sind mittlerweile älter als 80 Jahre, ihr Tod ist also absehbar, doch ein Sterben in Würde bleibt ihnen wohl versagt. Sie haben keine Lobby, kaum jemand interessiert sich für sie.
Doch ganz allein sind sie nicht. Es gibt einen Verband, der immer wieder auf das Schicksal dieser Menschen aufmerksam macht, ohne selbst helfen zu können: die Jewish Claims Conference (JCC) mit ihrer Zentrale in den USA und Büros in vielen Staaten. Sie hat kaum finanzielle Mittel, um helfend eingreifen zu können, aber deshalb verharrt sie nicht in Schweigen. Sie wartet auch nicht, bis sie gefragt wird. Sie meldet sich dann zu Wort, wenn sie berechtigte Hoffnungen hat, gehört zu werden. Diese Gelegenheit bietet sich alljährlich zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, dem Tag, an dem 1945 Auschwitz befreit wurde.
Erbärmliche soziale Lage
In der Bundesrepublik war es Bundespräsident Roman Herzog, der Ende der 90er Jahre dieses Ereignis zum Gedenktag für die NS-Opfer bestimmte. Seitdem ist weitaus mehr geschehen, als Herzog und viele andere damals hoffen konnten. Eines aber ist geblieben und sogar schlimmer geworden: Fast die Hälfte der noch lebenden jüdischen Opfer leidet unter Altersgebrechen und Krankheiten. Sie sind arm und bedürfen der Pflege durch andere. Der deutsche Repräsentant der JCC, Georg Heuberger, drückte das angesichts des diesjährigen Gedenktages in der „Süddeutschen Zeitung“ so aus: „Es darf … nicht übersehen werden, dass viele, die noch unter uns sind, in Armut und unter unwürdigen Bedingungen leben müssen.“
Nach Statistiken der JCC gibt es noch 516 700 Überlebende. Von ihnen leben 259 500 unter der Armutsgrenze, die meisten in Israel und in der ehemaligen UdSSR. In Zahlen: 90 000 in der früheren Sowjetunion und 74 000 in Israel. Die Gründe für diese Armut liegen auf der Hand: Als der Krieg 1945 endlich mit dem Sieg der Alliierten zu Ende war, wollten die damals noch jungen Frauen und Männer möglichst schnell ein neues Leben aufbauen, Existenzen gründen, vor allem dann, wenn ihre Eltern und Großeltern ermordet worden waren. Dabei dachten die meisten nicht an ihr eigenes Alter. Die Bundesregierung schloss mit vielen westlichen Staaten zur Entschädigung Globalabkommen, auch mit Israel. Die deutschen Behörden wollten mit Blick auf die Geschichte nicht mit darüber entscheiden, wer warum wie viel bekommt. Renten spielten damals keine Rolle. Bei deutschen Juden, die in der Bundesrepublik lebten, war das anders. Hier kümmerten sich die Behörden auch um die Sicherung im Alter.
Ganz schlimm traf es die Opfer, die in osteuropäischen Ländern lebten. Sie bekamen zunächst nichts. Das änderte sich erst mit dem Ende des kommunistischen Blocks. Da aber waren viele längst gestorben. Wer noch lebte, bekam seine Entschädigung aus Globalvereinbarungen, auf die Deutschland keinen Einfluss hatte – auch nicht haben wollte.
Verantwortung für einen würdigen Lebensabend
Die Bundesrepublik hat bisher an Wiedergutmachungsleistungen mehr als 65 Milliarden Euro gezahlt. Das ist zwar eine enorm große Summe. Sie reicht aber nicht aus, um den Kranken zu helfen, deren Bedürftigkeit von Jahr zu Jahr steigt. Darauf verweist die JCC bei jeder Verhandlung mit dem deutschen Finanzministerium. Das stellt sich nicht taub und hat 2009 zusätzlich 30 Millionen Euro bereitgestellt, um häusliche Pflege, bessere medizinische Versorgung und zusätzliche geriatrische Einrichtungen zu fördern oder zu gründen. Eine Arbeitsgruppe im Finanzministerium prüft derzeit, was weiter getan werden muss. „Wir haben die Verantwortung, den hochbetagten Holocaust-Überlebenden zu einem würdigen Lebensabend zu verhelfen“, sagt Heuberger. Dabei kann ihm niemand widersprechen. Es bleibt abzuwarten, welche Zahlen Heuberger spätestens beim nächsten Gedenktag vorlegen kann.
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