Der Manager des Völkermords vor Gericht

Von Lavinia Meier-Ewert
03.05.2011 - Eine Ausstellung in der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin über den Jerusalemer Prozess gegen Adolf Eichmann.
Das Vernichtungslager Auschwitz / Photo: Michael Werner Nickel / pixelio

Vor fünfzig Jahren wurde in Jerusalem das Verfahren gegen Adolf Eichmann eröffnet. Der Prozess gegen den Leiter des „Judenreferates IV B 4“ steht im Zentrum einer gelungenen Ausstellung in der Berliner Topographie des Terrors.

Der Prozess gegen Adolf Eichmann markierte einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Die Bilder des Gerichtsverfahrens wurden weltweit ausgestrahlt, in Deutschland erreichte die allabendliche ARD-Sondersendung „Eine Epoche vor Gericht“ im Schnitt 50 Prozent der Fernsehzuschauer. Ein Ende des Verdrängens, das den Beginn der Aufarbeitung ermöglichte.

Judenverfolgung erstmals öffentlich verhandelt

Dies sei der erste Fall gewesen, in dem die Judenverfolgung in all ihren Aspekten öffentlich – und öffentlichkeitswirksam – verhandelt worden sei, so der damalige stellvertretende Ankläger Gabriel Bach anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Der Prozess – Adolf Eichmann vor Gericht“ in der Topographie des Terrors.

Das hatte nicht nur in Deutschland, sondern auch in der israelischen Gesellschaft, in der die Shoah bis dato mit einem Schweigen aus Scham belegt war – das Bild des jüdischen Opfers passte nicht zum kraftvollen Gründungsmythos des jungen Staates –, eine kathartische Wirkung.

Die Berichte der über hundert Augenzeugen, die durch ihre Aussagen zu Zeitzeugen wurden läuteten die „Ära der Zeugen“ ein, wie es im Ausstellungskatalog heißt: die Grundsteinlegung zu einem Archiv der Erinnerung, das sich bis heute erweitert.

Konfrontation zwischen Täter und Opfern

Den Prozess als Konfrontation zwischen dem Täter und seinen Opfern inszeniert die Ausstellung eindrucksvoll. Zu Beginn steht eine kurze Biographie Eichmanns. 1934 trat er dem Sicherheitsdienst der SS und dem Referat für „Judenangelegenheiten“ bei, für das der spätere „Spediteur des Todes“ (Chefankläger Gideon Hausner) – mit wachsenden Befugnissen – bis zum Kriegsende zuständig ist. Schautafeln zeichnen seinen Weg als Dienstreisender im Auftrag der Judenvernichtung nach, von Paris bis Kiew, von Lodz bis Budapest.

In acht Medienstationen stehen den Äußerungen Eichmanns die Berichte der Zeugen gegenüber. „Ich dachte früher, dass dies ein niedriger Amtsträger war, ein Typ, den man ‚Beamter’ oder ‚Bürokrat’ nennt, der seine Aufgaben erfüllt, Berichte schreibt etc. Und hier traf ich einen Mann mit der Haltung eines Herrschers, der über Leben und Tod entschied.“ So beschreibt ihn Franz Meyer, damals Mitglied der „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“.

„Bar jeder Schuld gefühlt“

Eichmann dagegen versucht, sich als „Werkzeug in der Hand stärkerer Mächte“ darzustellen. Nach seiner Teilnahme an der Wannseekonferenz, auf der der Völkermord an den europäischen Juden beschlossenen worden ist, habe er sich moralisch entlastet gefühlt: „In dem Augenblick hatte ich eine Art Pilatus’sche Zufriedenheit in mir verspürt, denn ich fühlte mich bar jeder Schuld. [...] es befahlen die Päpste; ich hatte zu gehorchen.“

Anhand der sorgfältig getroffenen Auswahl gelingt es der Ausstellung, Eichmanns Verteidigungsstrategien zu entlarven, sein erhebliches Maß an Eigeninitiative herauszustellen und somit am Originalmaterial selbst zu zeigen, was auch der sehr lesenswerte Katalog erarbeitet: wie falsch und letztlich auch wie verharmlosend das Bild des von Hannah Arendt eingebrachten Begriffs des „Verwaltungsmassenmordes“ und in dessen Folge das der „täterlosen Tat“ ist.

Die Ausstellung „Der Prozess – Adolf Eichmann vor Gericht“ ist ein Kooperationsprojekt der Stiftung Topographie des Terrors, der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz.
Sie ist bis 18. September 2011 in der Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin, zu sehen. Informationen zum umfangreichen Begleitprogramm gibt es hier.
Der Katalog zur Ausstellung kostet 15 Euro.
 

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de

Weitere Artikel

Voreingenommen gegenüber NS-Untaten

12.04.2011 - Das Lebenswerk von Benjamin Halevi, Richter im Jerusalemer Eichmann-Prozess.

"Wir müssen ein Mehr sein" - Interview mit Jeanette Biedermann

10.09.2009 - Sie engagiert sich seit vielen Jahren gegen Rechts. Am Sonntag trat Sängerin Jeanette Biedermann bei "Nazis aus dem Takt bringen" in Berlin auf. Im Interview mit dem Blick nach Rechts spricht sie über die Bedeutung von Musik und sagt, warum es wichtig ist, zur Wahl zu gehen.

Nachhaltigkeit im Kampf gegen Antisemitismus

18.11.2009 - Wir alle sind zum Handeln aufgefordert! So lautet die Quintessenz des Kongresses „Antisemitismus als Herausforderung für Politik und Gesellschaft“. Wissenschaftler, Politiker und Vertreter verschiedener Projekte hatten sich in der Friedrich- Ebert-Stiftung Berlin zum konstruktiven Austausch für Demokratie und gegen Antisemitismus versammelt.

Der Anti-Sarrazin

08.12.2010 - Wolfgang Huber lehnt Thilo Sarrazins Menschenbild ab und will aus Deutschland ein Integrations- statt einem Migrationsland machen. Dafür bedürfe es „kraftvoller Toleranz“, die allen Seiten einiges abverlange, so der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland – unter Berufung auf Willy Brandt.