Das Vernichtungslager Auschwitz / Photo: Michael Werner Nickel / pixelioVor fünfzig Jahren wurde in Jerusalem das Verfahren gegen Adolf Eichmann eröffnet. Der Prozess gegen den Leiter des „Judenreferates IV B 4“ steht im Zentrum einer gelungenen Ausstellung in der Berliner Topographie des Terrors.
Der Prozess gegen Adolf Eichmann markierte einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Die Bilder des Gerichtsverfahrens wurden weltweit ausgestrahlt, in Deutschland erreichte die allabendliche ARD-Sondersendung „Eine Epoche vor Gericht“ im Schnitt 50 Prozent der Fernsehzuschauer. Ein Ende des Verdrängens, das den Beginn der Aufarbeitung ermöglichte.
Dies sei der erste Fall gewesen, in dem die Judenverfolgung in all ihren Aspekten öffentlich – und öffentlichkeitswirksam – verhandelt worden sei, so der damalige stellvertretende Ankläger Gabriel Bach anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Der Prozess – Adolf Eichmann vor Gericht“ in der Topographie des Terrors.
Das hatte nicht nur in Deutschland, sondern auch in der israelischen Gesellschaft, in der die Shoah bis dato mit einem Schweigen aus Scham belegt war – das Bild des jüdischen Opfers passte nicht zum kraftvollen Gründungsmythos des jungen Staates –, eine kathartische Wirkung.
Die Berichte der über hundert Augenzeugen, die durch ihre Aussagen zu Zeitzeugen wurden läuteten die „Ära der Zeugen“ ein, wie es im Ausstellungskatalog heißt: die Grundsteinlegung zu einem Archiv der Erinnerung, das sich bis heute erweitert.
Den Prozess als Konfrontation zwischen dem Täter und seinen Opfern inszeniert die Ausstellung eindrucksvoll. Zu Beginn steht eine kurze Biographie Eichmanns. 1934 trat er dem Sicherheitsdienst der SS und dem Referat für „Judenangelegenheiten“ bei, für das der spätere „Spediteur des Todes“ (Chefankläger Gideon Hausner) – mit wachsenden Befugnissen – bis zum Kriegsende zuständig ist. Schautafeln zeichnen seinen Weg als Dienstreisender im Auftrag der Judenvernichtung nach, von Paris bis Kiew, von Lodz bis Budapest.
In acht Medienstationen stehen den Äußerungen Eichmanns die Berichte der Zeugen gegenüber. „Ich dachte früher, dass dies ein niedriger Amtsträger war, ein Typ, den man ‚Beamter’ oder ‚Bürokrat’ nennt, der seine Aufgaben erfüllt, Berichte schreibt etc. Und hier traf ich einen Mann mit der Haltung eines Herrschers, der über Leben und Tod entschied.“ So beschreibt ihn Franz Meyer, damals Mitglied der „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“.
Eichmann dagegen versucht, sich als „Werkzeug in der Hand stärkerer Mächte“ darzustellen. Nach seiner Teilnahme an der Wannseekonferenz, auf der der Völkermord an den europäischen Juden beschlossenen worden ist, habe er sich moralisch entlastet gefühlt: „In dem Augenblick hatte ich eine Art Pilatus’sche Zufriedenheit in mir verspürt, denn ich fühlte mich bar jeder Schuld. [...] es befahlen die Päpste; ich hatte zu gehorchen.“
Anhand der sorgfältig getroffenen Auswahl gelingt es der Ausstellung, Eichmanns Verteidigungsstrategien zu entlarven, sein erhebliches Maß an Eigeninitiative herauszustellen und somit am Originalmaterial selbst zu zeigen, was auch der sehr lesenswerte Katalog erarbeitet: wie falsch und letztlich auch wie verharmlosend das Bild des von Hannah Arendt eingebrachten Begriffs des „Verwaltungsmassenmordes“ und in dessen Folge das der „täterlosen Tat“ ist.
Die Ausstellung „Der Prozess – Adolf Eichmann vor Gericht“ ist ein Kooperationsprojekt der Stiftung Topographie des Terrors, der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Sie ist bis 18. September 2011 in der Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin, zu sehen. Informationen zum umfangreichen Begleitprogramm gibt es hier. Der Katalog zur Ausstellung kostet 15 Euro.Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de
