Braune Kulturwelt

Ein Netzwerk aus rechtsextremen Organisationen und völkisch-bündischen Jugendgruppen trifft sich seit Jahrzehnten zu germanischer Brauchtumspflege und Volkstänzen.

Gleich nach Feierabend oder Schulschluss, am Wochenende und in den Ferien, gestalten Tausende von Rechtsextremisten ihre eigene, oft nationalsozialistisch geprägte Kulturwelt. Abgeschottet von Öffentlichkeit, fernab von provokanten Aufmärschen oder Parteiveranstaltungen finden sie sich ungestört zur Pflege germanischem Brauchtums, Volkstanz oder Singewettstreiten zusammen. Zusammenhalt geben den diversen Gruppen und Organisationen eine gemeinsame nationalistische Ideologie sowie ehrgeiziges Streben nach deutschem Elitegeist. Dabei werden harmlose alte Traditionen wie das Hissen eines Maibaumes oder das Schöpfen von Osterwasser aufgegriffen und für ihre Zwecke vereinnahmt.

Es gibt aber auch Kulturveranstaltungen anderer Art, die im Verborgenen laufen. Anfang Juni luden sächsische Neonazis in den Chemnitzer Europark. Unauffällig, in der Gaststätte „Yesterday“, sollte der „nationale Schriftsteller“ Eric Kaden aus Dresden einen Vortrag über Kurt Eggers – einem in völkischen Kreisen kultartig verehrten SS-Dichter – halten. Innerhalb eines breiten Spektrums wird den kämpferischen Parolen des ehemaligen Kommandanten der SS-Division „Wiking“ gehuldigt und Eggers als der große „soldatische Dichter seiner Gegenwart“ verehrt. Der Dresdener Versandbuchhändler und ehemalige Aktivist der kürzlich verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) Kaden, Jahrgang 1976, gilt als kultureller Multifunktionär der Szene. Er brachte nicht nur den Nachwuchs der HDJ mit Eggers-Gedichten auf Linie. Einst nahm er selbst an einem Schulungslager der bereits 1994 verbotenen „Wiking-Jugend“ in Hetendorf teil. Eric Kaden, zeitweilig Mitarbeiter innerhalb der Schweriner NPD-Landtagsfraktion, bleibt demnach wie zahlreiche andere Kameraden und Kameradinnen trotz erfolgter Verbote fester Bestandteil einer abgeschotteten braunen Kulturwelt.

Ein Blick hinter die Kulissen offenbart ein straff organisiertes Netzwerk aus jahrzehntelang gewachsenen rechtsextremen Kulturorganisationen, völkisch-bündischen Jugendgruppen und Freundeskreisen, die mit kultureller Vielfalt und demokratischer Zivilgesellschaft nicht viel am Hut haben. Ausschließlich, wer aus der eigenen ethnischen Gruppe stammt, wird eingeladen, darf teilnehmen. Ausnahmen sind alljährliche europäische Treffen wie zum Beispiel die „Gästewoche des Deutschen Kulturwerkes“, an der Kaden im September 2006 in Graz teilnahm. Sein Chemnitzer Vortrag wurde unter anderem von der Gruppe „Sonnenritter“ um NPD-Aktivist Tony Gerber aus Zwickau intern beworben. Gerber sieht sich und seine Sonnenritter als „Organisation zum Schutz und Erhalt des Volkes und Kulturgutes“.

Teilnahme an Sängerfesten und Singewettstreiten

Der erfolgreiche Karate-Kampfsportlehrer Eric Kaden ist vielseitig kulturell aktiv. So war er beteiligt an Gruppen wie dem einflussreichen „Freundeskreis Ulrich von Hutten“, in dem sich zahlreiche Alt- und Neonazis gemeinsam mit zurückhaltenden Hintergrundakteuren tummeln. Im Schulungslager der militanten „Wiking-Jugend“ gewannen seine Kameraden aus dem „Gau Sachsen“ einst den „Bundessingewettstreit“ mit dem Pflichtlied „Und der da vorn die Trommel schlägt“ den ersten Platz.

Insbesondere in rechten Jugendbünden wie dem „Freibund – Bund Heimattreuer Jugend“, dem „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ oder in nationalistischen Burschenschaften wird heute einschlägiges Liedgut gepflegt. Deren Mitglieder versuchen immer wieder, sich an überbündischen oder Pfadfinder-nahen Singewettstreiten und Sängerfesten zu beteiligen, oft werden sie inzwischen ausgeschlossen oder bekommen im Vorfeld Hausverbot. Am Würzburger Singewettstreit, der regelmäßig bis 2005 stattfand, nahmen sie jahrelang ungehindert teil. „Der Gedanke an das vergangene Singen und Musizieren“ erfüllt die Anhänger des „Freibund“ „mit Freude“. Seit 2008 findet der Würzburger Wettstreit unter neuem Namen und ausdrücklichem Ausschluss des Freibundes statt. Auch die verbotene „Heimattreue Deutsche Jugend“ hatte eine eigene „Liedersammlung“, die beim „Amt Beschaffung“ zu besorgen war. Lieder mit rassistischen und antisemitischen Inhalten gehörten dazu, wie es in der Verbotsverfügung heißt.

Durch den wachsenden Einfluss völkisch-nationaler Kreise innerhalb von NPD und Kameradschaften und den steigenden Wert kultureller Veranstaltungen im Innercircle der „Gesinnungsgemeinschaft“ ist es heute möglich, auch bei Aufmärschen und Kundgebungen nicht nur das „Lied der Deutschen“, sondern auch NS-Pflichtlieder wie „Ein junges Volk steht auf“ in Gänze anzustimmen.

„Liedersammlung“ der verbotenen HDJ

Fester Bestandteil der Brauchtumspflege ist auch der Volkstanz. So beteiligten sich nicht nur HDJ-ler wie die ehemalige Bundesmädelführerin“ Holle Böhm an einer Vorführung beim „Pressefest“ der NPD in Dresden, sondern Anhänger der HDJ-Einheit „Hermannsland“ oder des „Heimatbund Pommern“ versuchten auch, an außerpolitischen Tanzveranstaltungen teilzunehmen. Personen wie beispielsweise der heidnische Trauerredner Gerd Rothe richten andererseits Feiern aus, um außerhalb der Szene Tanzbegeisterte anzulocken. Rothes „9. Ostwestfälischer Volkstanzball“ sollte Mitte März in Bad Oeynhausen-Rehme starten. Rothe, der Anhänger der rassistischen „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft“ war, schart seit Jahren Volkstänzer um sich. 2008 berichteten Angehörige des völkischen „Freibundes“ über ihre Teilname am Ball in der bundeseigenen Zeitschrift.

Ende April lud der „Tanz- und Spielkreis Mitteldeutschland“ um Kai Pfürstinger zum internen Fest ins Erzgebirge ein. Pfürstinger, Landesvorsitzender der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“ (JLO) und Ausrichter des jährlichen Neonazi-Aufmarsches zur Bombardierung Dresdens, beteiligt sich immer wieder an bündischen Treffen. So zum Beispiel im Jahr 2008 beim so genannten „überbündischen Burgfest“, das seit 1995 jährlich auf wechselnden Burgen stattfindet. Bis 2006 auch unter Beteiligung der HDJ. Seine Anhängerschar findet Pfürstinger unter anderem in den Reihen von ehemaliger HDJ, der thüringischen „Schlesischen Jugend“ oder dem heidnisch-religiösen „Bund für Gotterkenntnis – Ludendorff e.V.“. Der Veranstaltungsort wurde bis zuletzt geheim gehalten.

Fotos zeigen Frauen in langen blauen Röcken mit Zöpfen oder Pferdeschwänzen, die sich mit gescheitelten Männern in Zimmermanns- oder Kniebundhosen an den Händen fassen und herumwirbeln. Unter den jungen Tänzern sind auch ehemalige Anhänger der HDJ, einige von ihnen hatten sich im Herbst 2008 an der ersten Wanderung der „Einheit Thüringen“ in Eisenach beteiligt. Ein Anderer stammt ursprünglich aus der Kameradschaftsszene in Berlin, posierte immer wieder auf Fotos im „Funkenflug“. Gegen ihn soll bereits wegen des Tragens einer verbotenen Uniform ermittelt worden sein. Männer und Frauen kennen sich aus zahlreichen extrem rechten beziehungsweise rechtslastigen Organisationen und Vereinen. Nationale Freundschaften und sogar Ehen entstehen bei diesen Festivitäten. Dem Nachwuchs soll ungestört Brauchtum vorgelebt werden.

„Mitteldeutscher Volkstanzkreis“ sucht neue Mitstreiter

Insbesondere heidnische Feste wie das Julfest im Dezember, die Sonnenwenden im Sommer und Winter oder die Ostara-Feiern gehören zum Pflichtrepertoire der Szene. Anfang April dieses Jahres lud zum Beispiel ein Kreis von Aktivisten, die sich selbst als „Wandergruppe Knotenstock“ bezeichnen, in den Raum Chemnitz „auf einen bekannten 4-Seitenhof“ in Cossen ein. „Gefährten kommt zum Ostarafest“ hieß es in der Einladung. Zur „heilbringenden“ Feier gehörten „Volkstanz, Singewettstreit, Laienspiel und Feuerräderrollen“. Die Teilnehmer reisten für das gemeinsame Wochenende aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt an.

In den selben Kreisen fand wenige Wochen später dann auch der traditionelle „Maitanz“ des „Mitteldeutschen Volkstanzkreises“ statt. Die internen Einladungen sollten nur an „vernünftige Kameraden“ weitergeleitet werden, diejenigen, die keinen „Weltnetzzugang“ haben, sollten telefonisch informiert werden. In den Amtsblättern der sachsen-anhaltinischen Stadt Landsberg suchte der „Mitteldeutsche Volkstanzkreis“ im April dieses Jahres neue Mitstreiter. Interessierte an „deutschen Volkstänzen“ sollten sich telefonisch melden. Die angegebene Handynummer hatte in den vergangenen Jahren der ehemals militante Neonazi Steffen Hupka genutzt. Hupka, der in Trebnitz bei Halle ein Schulungszentrum errichten wollte, bot nebenher seine antiquarischen Bücher unter anderem bei einer Ostertagung der rassistischen Ludendorff-Gemeinschaft 2006 in Dorfmark an. Neonazis sind umtriebige Menschen – vor allem im Hintergrund.

05. 06. 2009 - Andrea Röpke/Maik Baumgärtner

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