Braune Familientreffen
Die in Vorpommern gelegene UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt Stralsund hat so einiges an Sehenswürdigkeiten zu bieten. Über den Strelasund spannt sich eine der längsten Brücken Europas und verbindet das Festland mit der Insel Rügen, dann ist da noch Deutschlands größtes Naturkundemuseum, das Meeresmuseum mit dem neuerrichteten Ozeaneum, und das fast schon traditionelle NPD-Kinderfest.
Am letzten Sonntag im August säumen NPD-Wahlkampfplakate den Weg zum Veranstaltungsgelände in der städtischen Grünanlage Brunnenaue und weisen ebenso die Richtung, wie die herüberschallende Schlagermusik. Gespielt wird − natürlich nur − deutsches Liedgut mit welchem die Neugier der Anwohner und Vorübergehenden geweckt und diese angelockt werden sollen. Mehrfach greift ein junger Mann mit scharfgezogenem Seitenscheitel zum Mikrofon und begrüßt die Anwesenden zum 8. NPD-Kinderfest. Begleitet von einer Gestalt im Clownskostüm wird er nicht müde darauf zu verweisen, dass Bratwurst, Kuchen und überhaupt alles kostenlos sei. Doch nicht jeder ist willkommen. Zuerst erfährt dies eine kleine Gruppe jugendlicher Gegendemonstranten, die am Rande des Veranstaltungsgeländes mit einem Transparent gegen die NPD-Veranstaltung demonstriert. Bevor Steffen P., ein Rüganer Jung-Nazi aus Saßnitz, sich mit zwei Gesinnungskumpanen auf den Weg macht, die NPD-Gegner zu fotografieren, werden sie vom Mann am Mikrofon verbal attackiert. Auch die drei Personen, die sich später über das Festgelände bewegen, sind nicht wohlgelitten. Kaum auf dem Gelände, raunt plötzlich eine fistelnde, sich überschlagene Stimme aus dem Hintergrund „macht ihr hier Stress, fliegt ihr vom Platz“. Auf die Frage, wer er denn sei, reagiert der gescheitelte, junge Mann und dem karierten Hemd sichtlich konsterniert und stammelt nur; „Ich bin der Veranstalter“. Dann hetzt Dirk Ahrend, NPD-Kreisvorsitzender und Stralsunder Stadtvertreter, weiter zu den unter einem Baldachin versammelten Ordnern, gestikuliert wild und gibt Instruktionen. Die drei ausgemachten „Antideutschen“ werden nun argwöhnisch von den Ordnern beäugt und in gebührendem Abstand bei ihrem Weg über das Gelände von diesen eskortiert.
Post von der „lieben“ NPD
Von den zeitweise bis zu 200 anwesenden Gästen nimmt niemand Anstoß an der rot-weiß-schwarzen Reichsflagge und den NPD-Fahnen, die um das Gelände drapiert waren. Minderjährige, Kinderwagen schiebende Mädchen zieht es ebenso zum Ort des braunen Treibens, wie Großeltern mit ihren Enkelkindern. Einige sind Stammgäste dieser Veranstaltung, bei der den Kleinen mit Sackhüpfen, Hüpfburg, Schaumstoffkegeln, Dosenwerfen, Malwettbewerben und anderen Kinderspielen so einiges an Zerstreuung geboten wird. Es gibt auch Neues zu entdecken. So wird ein Fotoservice geboten. Wenn die Kinder sich mit Clown Ferdinand ablichten lassen, die Eltern dann noch ihre Anschriften hinterlegen, bekommen sie bald Post von der „lieben“ NPD. Wahrscheinlich nicht nur mit dem erhofften und ersehnten Erinnerungsfoto. Ihre Anschrift hinterlegen sollen auch die Eltern, deren Kinder an der erstmals veranstalteten Tombola teilnehmen. Als Hauptgewinn lockt ein Kinderfahrrad.
Im Osten Vorpommerns, wo Deutschland am Ende ist, nahe an der deutsch-polnischen Grenze liegt die braune Hochburg Ueckermünde. Hier, in der Region mit der höchsten Armutsquote der Republik, lockte die rechtsextreme Partei dann eine Woche später zum 2. NPD-Kinderfest in den städtischen Ueckerpark. „Natürlich ist wie immer ALLES kostenlos“ wurde das Treiben beworben. In der Rubrik „Umschau“ der Haffzeitung des „Neubrandenburger Nordkuriers“ konnte der NPD-Stadtvertreter Andre Gerth Anfang August − ebenfalls kostenlos − Werbung für das rechte Kinderfänger-Spektakel machen. Das Lokalblatt hatte vor den Kommunalwahlen Fragebögen an alle Kandidaten für die Wahl zu den Ortsparlamenten in Torgelow und Ueckermünde verschickt. Aus Torgelow antworteten drei Vertreter der demokratischen Parteien und aus der Haffstadt nur die von der rechtsextremen NPD. Unter anderem der frisch gekürte Kommunalpolitiker Gerth. Auf die Frage, was für ihn zu einem gelungenen Stadtfest gehören würde, antwortete er; „Das NPD-Kinder- und Familienfest im Ueckermünder Ueckerpark ist für mich das beste Beispiel für eine gelungene Veranstaltung.“
Niedrigschwellige Freizeitangebote für Jugendliche
Mit ihrem Kinderfest stoßen die Rechtsextremen in eine Lücke, die obgleich von den politisch Handelnden erkannt, bislang nicht geschlossen wurde. Das Entwicklungskonzept des Uecker-Randow Kreises benennt dieses Einfallstor brauner Propaganda als eingeschränktes „Angebot für Kinder und Jugendliche im ländlichen Raum“.
Laut einer Studie der Universität Greifswald interessieren sich nur 29 Prozent der Jugendlichen des Uecker-Randow Kreises im Ater von 12 bis 17 Jahren für Politik. Mit 51 Prozent ist die NPD in dieser Altersgruppe nach SPD und CDU die bekannteste Partei. Weit abgeschlagen folgen Bündnis90/Grüne, Die Linke und die FDP. Für die rechtsextreme NPD ein Erfolg bei der Zielgruppe, den sie nicht zuletzt ihren niedrigschwelligen Freizeitangeboten zu verdanken hat.
Das vom Stralsunder NPD-Kader Dirk Ahrend moderierte Ueckermünder Kinderfest fiel diesmal allerdings fast ins Wasser. Erst als sich gegen 15.45 Uhr die Regenwolken verzogen, tummelten sich nur etwa 120 Personen auf dem Festgelände. Die anwesenden NPD-Landtagsabgeordneten und Bundestagskandidaten Tino Müller und Michael Andrejewski hatten sicherlich mit einer größeren Resonanz gerechnet.
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