Beunruhigende Zustände

Von Gabriele Nandlinger
03.12.2010 - Der aktuelle Jahresreport der Bielefelder Konfliktforscher um Wilhelm Heitmeyer untersucht die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Grundwerte der Gesellschaft.
Deutsche Zustände, Suhrkamp-Verlag 2010

Die Folgen der Wirtschaftskrise sind das Leitmotiv des diesjährigen Jahresreports „Deutsche Zustände“. Deren neunte Folge wurde am Freitag von den Bielefelder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vor der Presse in Berlin vorgestellt.

Das Team um Wilhelm Heitmeyer untersucht seit 2002 alljährlich das Ausmaß der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (GMF). Dieses Syndrom, gemeinsamer Kern ist die Ideologie der Ungleichheit, enthält aktuell zehn Elemente, darunter Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Einen leichten Anstieg beobachten die Forscher beim klassischen Antisemitismus, 16 Prozent der Befragten meinten, dass Juden zuviel Einfluss hätten. Signifikant ist allerdings der Israel bezogene Antisemitismus angestiegen, so würden 57 Prozent sagen, dass Israel „einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ führt und 38 Prozent meinen: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden“ hat. Fremdenfeindliche Einstellungen haben sich nach Erkenntnissen der Bielefelder im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert, stagnieren allerdings auf hohem Niveau. So vertrete fast die Hälfte der Deutschen die Ansicht: „Es leben zu viele Ausländer in Deutschland.“

„Vereisung des sozialen Klimas“

Im Fokus der Studie stand in diesem Jahr besonders die Frage nach den Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Grundwerte der Gesellschaft. Hier zeigten die Forscher beunruhigende Ergebnisse auf. So fühlt sich mehr als die Hälfe der Befragten (53 Prozent) durch die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen bedroht (im vergangen Jahr waren es noch 47 Prozent). Rund ein Drittel (34 Prozent) der Krisenbedrohten sind zornig, da sie sich unter Druck fühlen.

Untersucht wurden die Auswirkungen der Krise in den verschiedenen Einkommensgruppen. Ein besonderes Augenmerk richteten die Forscher interessanterweise gerade auf die Besserverdienenden. Bei dieser Gruppe offenbarten sich die stärksten Veränderungen hinsichtlich gesellschaftlicher Entsolidarisierung und der Verfolgung eigener Privilegien. So sei der Anteil derjenigen gestiegen, die meinen, weniger als den ihnen zustehenden Anteil zu erhalten und ihre „Etabliertenvorrechte“ einfordern. Einher geht diese Haltung mit deutlicher Ablehnung von sozial ausgleichender Unterstützung für Langzeitarbeitslose und Obdachlose. Gerade „oben“ sei die Abwertung von gesellschaftlich schwachen Gruppen „volkswirtschaftlich Nutzloser“ besonders hoch, wird in der Studie festgehalten. Wilhelm Heitmeyer warnte so auch vor einer „Vereisung des sozialen Klimas“ in Deutschland.

Wachsende Islamfeindlichkeit

Bei den Einkommensstarken haben auch fremdenfeindliche und rassistische Einstellungen stark zugenommen, während diese in den niedrigeren Einkommensgruppen stagnieren. Die Forscher sehen einen Zusammenhang darin, dass Personen mit hohem Einkommen eher Leistungsgerechtigkeit fordern und daher fremdenfeindlichen Einstellungen und der Abwertung von sozial Schwachen stärker zustimmen.

Zu beobachten ist generell ein deutlicher Anstieg von Islamfeindlichkeit. So sind 20 Prozent der Befragten der Meinung, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte. Wachsende Islamfeindlichkeit zeigt sich den Bielefeldern zufolge insbesondere bei höheren Einkommensgruppen. Bildung wirke in diesem Fall der Abwertung nicht entgegen. Islamfeindlichkeit sei konsensfähig, auch bei jenen, bei denen es bisher nicht zu erwarten war.

„Verdeckte Bewegung“ existiert längst

Im vergangen Jahr habe die Demokratieentleerung weiter signifikant zugenommen, warnen die Konfliktforscher. Dies sei gefährlich für die Akzeptanz des demokratischen Systems. Besonders bei denjenigen, die sich von der Krise bedroht fühlten, sei wachsende Demokratieverdrossenheit zu beobachten. Das rechtspopulistische Potenzial liegt bei rund 20 Prozent. Und auch hier ist wieder bei den Gutverdienenden ein deutlicher Anstieg festzustellen. Islamfeindlichkeit sei bei Befragten mit rechtspopulistischen Einstellungen weit stärker verbreitet und nehme auch kontinuierlich zu.

Die Perspektive für eine liberale und humane Zukunft der Gesellschaft malt Wilhelm Heitmeyer in düsteren Farben. Das Verhältnis von regierender Politik und gesellschaftlichen Gruppen sei nachhaltig gestört. Der Aufruf zur Gründung einer Partei rechts von der CDU sei bereits gestartet, das Potenzial dazu ebenso vorhanden wie die schon markierten Opfer von Abwertung und Diskriminierung aus ökonomischen wie kulturell entwickelten Gründen. Den Erfolg einer solchen Partei hält Heitmeyer zwar für unwahrscheinlich, aber eine „verdeckte Bewegung“, die in den Mentalitäten aufschaukele, würde längst existieren.

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