„Nie wieder Faschismus“ ist für die Fans des FC St. Pauli keine inhaltsleere Parole. Rund 250 Anhänger des Vereins nahmen am 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz an einer Gedenkveranstaltung vor dem Hamburger Millerntor-Stadion teil. Einer der Redner war der Historiker Gregor Backes, der im Auftrag der Klubführung eine Studie über den Kiezklub in der Zeit des Nationalsozialismus erstellt.
Erst am 9. November 2004 war – auf Initiative kritischer Fans – im Beisein des damaligen und heutigen Präsidenten Corny Littmann vor der Südtribüne eine kommentierende Gedenktafel platziert worden. Der Text lautet: „Zum Gedenken an die Mitglieder und Fans des FC St. Pauli, die während der Jahre 1933 bis 1945 durch die Nazi-Diktatur verfolgt oder ermordet wurden.“
Gregor Backes machte auf der Gedenkfeier anhand eines Beispiels deutlich, dass auch der FC St. Pauli noch eine historische Last abzutragen hat. Zwar habe der Stadtteilverein noch im Frühjahr 1933, als andere Vereine ihre jüdischen Mitglieder ausschlossen, die Brüder Otto und Paul Lang aufgenommen. Beide waren jüdischer Herkunft und gründeten die bis heute überaus erfolgreiche Rugby-Abteilung. Doch allein deshalb sei der Verein „kein Hort des Widerstands“ gewesen, betonte der 42-jährige Historiker: „Tatsächlich hat sich der FC St. Pauli den Gegebenheiten angepasst und sich mit dem Regime und den politischen Rahmenbedingungen arrangiert.“
Kennzeichnend für den Umgang mit der eigenen Geschichte sei der Umgang mit der Person Otto Wolff, meint Backes. Wolff war in der Hansestadt verantwortlich für die Ausschaltung von Juden aus der Wirtschaft und die Liquidierung jüdischen Eigentums, an dem er sich persönlich bereicherte. 1945 ernannte Hitlers Architekt Albert Speer ihn zum Rüstungsbeauftragten für Norddeutschland. Wolff wurde nach Kriegsende drei Jahre interniert und wegen seiner SS-Mitgliedschaft rechtskräftig verurteilt. Gleichwohl habe der FC St. Pauli ihn mit offenen Armen empfangen, kritisiert Backes: „1950 wurde er für die Wahl zum Vizepräsidenten vorgeschlagen, 1971 Mitglied auf Lebenszeit.“ Die Goldene Ehrennadel durfte Wolff bis zu seinem Tod 1991 behalten. Die Vereinszeitung würdigte ihn im Nachruf ausdrücklich wegen seiner Verdienste „vor und während dem Zweiten Weltkrieg“.
Dank Backes’ Studie, die der Verein im Sommer veröffentlichen will, wird die braune Vergangenheit der Braun-Weißen lückenlos aufgedeckt. „Die Vereinsführung hat mich dazu ausdrücklich ermuntert und mir keine Steine in den Weg gelegt“, sagt Backes, der seit 1988 nur wenige Heimspiele verpasst hat.
Das politische Engagement innerhalb des Klubs gegen Rechts hat seit den 1980er Jahren Tradition. Damals entwickelte sich der FC St. Pauli zum „politisch etwas anderen Verein“: Mit dem zunächst noch spaßig gemeinten Schlachtruf „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder dritte Liga!“ fing alles an. 1989 schuf der St. Pauli als erster Verein den Posten des Fanbeauftragten im deutschen Profifußball, organisierte Freundschaftsspiele mit türkischen Mannschaften als Gegenprogramm zur Ausländerfeindlichkeit und verbot den Verkauf von Aufnähern mit rechtslastigem Inhalt. Reichskriegsflagge, Plakate mit rechtsextremen oder revanchistischen Aussagen und rassistische Schmähungen im Stadion gehörten der Vergangenheit an, seitdem die überarbeitete Stadionordnung in „Paragraph 6“ bestimmt: „Verboten ist den Besuchern: Parolen zu rufen, die nach Art oder Inhalt geeignet sind, Dritte auf Grund ihrer Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung zu diffamieren.“
Als 1997 herauskam, dass der Namenspatron des Stadions, Ex-Präsident Wilhelm Koch, im Dritten Reich Mitglied der NSDAP war, wurde nach Fanprotesten eine Untersuchungskommission eingesetzt. Ein Jahr darauf kickten die gegnerischen Teams offiziell am „Millerntor“ und nicht mehr im „Wilhelm-Koch-Stadion“.
In Sachen Aufarbeitung der eigenen Nazi-Vergangenheit verortet Gregor Backes seinen Klub innerhalb des Profilagers „im oberen Drittel“. Vorbildlich sei der 1. FC Kaiserslautern – und der HSV, der sich mit der Ausstellung „Die Raute im Hakenkreuz“ dem Thema früh gestellt habe, sagt Backes.
Die SPD ruft zur Beteiligung an den Protesten gegen den Nazi-Aufmarsch auf!
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