Alltag in Deutschland

Von Helmut Lölhöffel
18.05.2006 - Die aufgeregte Empörung über ein Interview von Uwe-Karsten Heye, dem Vorsitzenden des Vereins Gesicht zeigen!, ist künstlich und überzogen.

Sein polemisch zugespitzter Hinweis auf einige Gegenden in Brandenburg, die von ausländischen Gästen lieber gemieden werden sollten, ist weder Brandenburg-feindlich noch eine Beschimpfung dieses schönen, für Reisen empfehlenswerten Landes. Heyes Bemerkung ist aus Erfahrung gespeist und umschreibt eine Tatsache. Ja, es gibt in Deutschland, nicht nur in Brandenburg, „Angst-Räume“, die von Neonazis beherrscht und von den Rechtextremen selbst als „national befreite Zonen“ bezeichnet werden.

Alle, die in Initiativen gegen den Rechtsextremismus mitarbeiten, wissen aus der täglichen Arbeit, dass dunkelhäutige Menschen aus Angst vor Übergriffen gewisse Regionen meiden – überall in Deutschland. Der „blick nach rechts“ berichtet regelmäßig darüber. Viele Menschen, gerade afrikanischer Herkunft, erleben täglich Angst vor Übergriffen. Unsere Gesellschaft darf nicht hinnehmen, dass es solche Angst-Zonen gibt. Uwe-Karsten Heye hat mit Recht darauf hingewiesen, dass rassistische und fremdenfeindliche Angriffe auf Ausländer nicht bagatellisiert werden dürfen, gerade mit Blick auf die Fußballweltmeisterschaft und deren Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“.

Mit seiner Wortwahl, wer unvorsichtig solche „No-Go-Areas“ betrete, „ ... würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen“, hat Heye dick aufgetragen. Als Journalist und Pressesprecher weiß er aber, dass es manchmal nötig ist, auf eine reale Gefahr aufmerksam zu machen und dafür Gehör zu finden, indem eine Schlagzeile produziert wird. Er hat weder Brandenburg stigmatisiert, wie ihm unterstellt wird, noch die Bewohner pauschal verunglimpft. Sondern er hat eine unangenehme Wahrheit ausgesprochen.

Neulich trafen sich Jusos aus Berlin und Brandenburg in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte auf dem Gelände des ehemaligen Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück trafen und übernachteten in der dortigen Jugendherberge. Als sie abends im nahen Fürstenberg noch etwas trinken wollten, saßen in allen Lokalen jugendliche Glatzköpfe beisammen, die bedrohlich und feindselig wirkten. Um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen, suchten die Jusos das Weite. „Wir mussten ins KZ zurück, um vor den Nazis Schutz zu suchen“, berichtete einer von ihnen. Auch das ist grotesk zugespitzt und natürlich ein Einzelfall, aber schrecklicher Alltag in Deutschland.

Probleme sind nur lösbar, wenn sie offen eingestanden werden. Jetzt wird öffentlich gestritten. Und das ist richtig so. Gerade jetzt.

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