„Nationale Wirtschaftsnetzwerke“

In der rechtsextremen Szene wird politisches Engagement gerne mit geschäftlichen Interessen verbunden – Waren und Dienstleistungen werden bevorzugt unter Kameraden angeboten.

copyright: Andrea Röpke

„Schafft das nationale Netzwerk“ fordert der Pfälzer Nationalist Sascha Wagner seit Jahren. „Nationalisten sollen bei Nationalisten kaufen“, belehrt der NPD-Funktionär, denn somit würde kein „Liberalist“ bereichert, „der mit seinem Gewinn die Zersetzung unseres Vaterlandes vorantreiben“ könnte.

Waren und Dienstleistungen sollen bei den Firmen der eigenen Kameraden geordert werden. In Rheinland-Pfalz und dem Saarland seien so angeblich unter anderem schon drei Apotheker, zwei Baubetriebe, zwei Bestattungsunternehmen, sechs Weinbauer, vier Versicherungen und Finanzberatungen oder drei Rechtsanwälte involviert.

Strategisch mühen sich die Rechtsextremisten nicht nur eigene Strukturen aufzubauen, sondern auch an bestehende Mittelstandsstrukturen anzudocken. In Thüringen initiierte der NPD-Landesverband zwei Unternehmertreffen, andernorts wird der Versuch gestartet, Stammtische für Selbstständige zu betreiben. Eine Studie der Universität Rostock hatte ergeben, dass bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 2006 zehn Prozent der mittelständischen Unternehmer der NPD ihre Stimme gegeben hatten.

NPD-Politikerin bewirbt Ferienwohnung

Die Geschäftsanzeigen in der „Deutschen Stimme“ mit einer Auflage von 25 000 Stück (Eigenangabe) nehmen zu. So sucht eine Musikschule in Velbert einen begabten Lehrer oder eine „Nationale Textildruckerei“ aus Wurzen wirbt für ihre Produkte. Hunderte von Neonazis haben eigene Gewerbe angemeldet. Viele sind Handwerker, Rechtsanwälte oder betreiben Computerfirmen.

Manche verdienen sich auch etwas dazu, wie die sächsische NPD-Kreisrätin Carmen Stäglich aus Königstein. Sie wirbt mit dem Slogan „21,1 % für die NPD – hier macht man Urlaub!“ für ihre Ferienwohnung in der sächsischen Schweiz. Aus dem Tourismusverein Elbsandsteingebirge trat Steglich aus, aber neutrale Werbeanzeigen darf sie dort noch schalten.

„Renovierungen ihres Vertrauens“

Auch die Bauunternehmer Marc Reuter aus dem niedersächischen Bremervörde, Manfred Börm aus Handorf und Dirk Bahlmann aus Löcknitz verbinden politisches Engagement gern mit geschäftlichen Interessen. Reuters Handwerker arbeiteten auf dem „Heisenhof“ des verstorbenen Jürgen Rieger in Dörverden. Börms „nationaler Meisterbetrieb ihres Vertrauens“ wirbt in der „Deutschen Stimme“ für Renovierungen.

Unternehmer Dirk Bahlmann zieht im soliden Handwerker-Look im Wahlkampf für die NPD von Infostand zu Infostand, gern auch mit Firmenwagen und Gehilfen. Bei der Demonstration am 1. Mai in Rostock verteilte der glatzköpfige Neonazi im Shirt mit der Aufschrift „Kameradschaft“ und Zunftshose die „Unabhängigen Nachrichten“ an umherstehende Jugendliche und Familien.

Zulage für NPD-Mitglieder

Bautenschutz-Unternehmer Tim K. war bis 2008 Chef eines thüringischen NPD-Kreisverbandes. Dann wurde es ihm zuviel, die Arbeit nahm zu. Bereits zuvor hatte er sich an die Parteiführung gewandt und in „eigener Sache“ „2 bis 3 arbeitssuchende Kameraden“ als Maurer und Verputzer gesucht. K., der den Parteistrategen immer wieder auch als Wirtschaftsberater zur Seite stand und hilfreich bei den Bemühungen um nationale Unternehmertreffen in Thüringen involviert war, bot auch gleich an: „Für NPD Mitglieder wird eine Zulage von 10 Cent je geleistete Arbeitsstunde gewährt, das dürfte netto den Mitgliedsbeitrag ausmachen.“

Abrissunternehmer Sven Krüger aus Nordwestmecklenburg sponsert nicht nur eine Fußballmannschaft bei einem nationalen Turnier, sondern macht auch Werbung in eigener Sache bei der Eröffnung des NPD-Bürgerbüros in Grevesmühlen. Das Gebäude hat der verurteilte Handwerker, der an Demos im schwarzen Zimmermannsanzug teilnimmt, zur Verfügung gestellt.

Textilreinigung vom NPD-Chef

NPD-Vorstandsmitglied Ulrich Pätzold aus dem bayerischen Schöllnach verkaufte mit seiner Hausverwaltung Gebäude auch in Sachsen. Jetzt scheint er sich auf die „Vermietung von Party- und Festzelten, Toilettenwagen, Kühlanhängern, Hüpfburgen, Betrieb von Feldküchen, gastronomischen Kleingeräten und sonstigen Veranstaltungsgerätschaften“ zu konzentrieren.

Auch sein Vorstandskollege, der NPD-Chef Udo Voigt, soll nach „Spiegel“-Recherchen zeitweilig unternehmerisch tätig gewesen sein und eine Textilreinigung in Landshut betrieben haben. Jens Bauer, Neonazi aus Sachsen-Anhalt, wirbt mit Runen und heidnischen Symbolen auch bei den Kameraden für seine „Artam Stickerei“.

Werbung mit der „Propagandakompanie“

Antiquitätenhändler Volkmar D. stellte 2007 seine Festscheune für ein Kinderfest der NPD in Bad Doberan zur Verfügung. „Ich bin entsetzt, dass sich ein Doberaner Geschäftsmann bereit erklärt hat, seine Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen“, schrieb ein Leser der örtlichen Zeitung und fragte: „Weiß er überhaupt, worauf er sich da eingelassen hat?“ Die „Ostsee-Zeitung“ fragte bei Geschäftsmann D. nach und bekam die gereizte Antwort: „Interessiert mich doch einen Scheiß, ob ich an die CDU vermiete oder an die NPD. Die bringen eine Hüpfburg mit, machen was für Kinder. Das ist doch die Hauptsache!“

Allein der Firmenname der Werbeagentur von Falko Schüßler ist Provokation: Die „Propagandakompanie“. In den 90er Jahren nahm der Unterfranke mit Militäruniform und Hitlergruß an den neofaschistischen Feierlichkeiten zum Franco-Todestag in Spanien teil und engagierte sich in der 1994 verbotenen FAP. Mittlerweile ist er gemeinsam mit seiner Ehefrau in der bayerischen NPD aktiv. Als Werbegrafiker will er „Traditionen mit Zeitgeist verbinden, Widersprüche entdecken“ und listet unter Referenzen unter anderem Adler, BMW, Audi und Opel Betriebskrankenkassen, Lions Club, Rotary Club oder Gold-Zack auf.

Tipps vom Versicherungsvermittler

Doch so ganz bleibt die Politik auch auf der „Propaganda“-Homepage nicht außen vor, so wird nicht nur das Theater Hollerbusch seiner schauspielernden Gattin Sigrid, sondern auch das Booklet des nationalen Liedermacher-Duos Fylgien zu Werbezwecken genutzt.

Nach Angaben von Aussteigern tummeln sich in der nationalen Szene auch einige Finanz- und Versicherungsberater, deren Fachkenntnisse auch bei den Kameraden gefragt sind. So wirbt ein Deutscher Versicherungsdienst aus der Nähe von Köln mit einer Stellenanzeige in der „Deutschen Stimme“ und sucht einen Berater. Der stellvertretende NPD-Landesvorsitzende Matthias Behrens aus Niedersachsen macht auch im Wahlkampf Werbung mit seiner beruflichen Qualifikation: Fachwirt für Finanzberatung. Die Versicherungsvermittlung des umtriebigen NPD-Unterstützers Hans Jochen Voss aus Unna gilt als Tipp unter Nationalen.

„Erfahrene Stripperinnen überraschen“

Als sehr geschäftig gelten auch die Bremer Brüder Ostendorf. Während Henrik Ostendorf Geschäftsführer der „Deutschen Stimme“ in Riesa ist, betreibt sein Bruder Hannes, Sänger der Hooligan-Band „Kategorie C“ ein Schnellrestaurant.

In Visier der Bremer Öffentlichkeit ist aber der jüngste, Marten Ostendorf, geraten. Mitten in der City hat er den Szeneladen „Sportsfreund“ eröffnet. Dort werden Hooligan- und Neonazi-Marken wie unter anderem Sport Frei, Pitbull, Erik & Sons oder auch Klamotten von „Kategorie C“ verkauft. Nebenher scheint der jüngste Ostendorf noch einem weniger bekannten Gewerbe nachzugehen: Auf seiner Homepage „stripnight.de“ werden „Models“ vermittelt. Die „erfahrenen“ Stripperinnen können demnach auch mal „als Putzfrau, Krankenschwester oder Polizistin überraschen“.

„Initiative gegen Mietschmarotzer“

Rechte Unternehmer sind auch im Security-Gewerbe, als Fotografen oder Kameraleute, in der Landschaftspflege oder im Internet-Service zu finden. Manchmal sind sie auch Detektive und betreiben zum Beispiel eine „Initiative gegen Mietschmarotzer“.

Markus K., langjähriger ehemaliger Landesvorsitzender der Jungen Nationalen aus Niedersachsen, jetzt führend in der Schlesischen Jugend aktiv, hat seinen Tätigkeitsschwerpunkt nach Sachsen-Anhalt verlagert. Der Detektiv wirbt auf seiner Homepage damit, dass die „Machtlosigkeit der geschädigten Vermieter“ durch ihn ein Ende habe. Auch bietet er „Chauffeurservice mit Personenschutz, Haussitting während der Urlaubszeit, Hilfe bei Mietnomaden, Einsatz bei illegaler Müllentsorgung, Aufdecken von Schwarzarbeit an. Sein Motto lautet: „Geht nicht, gibt’s bei uns nicht!“

01. 07. 2010 - Andrea Röpke

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