„Mythos Dresden“

Rechtsextreme Kreise missbrauchen das Gedenken an die Toten des Luftangriffs auf Dresden im Februar 1945 für ihre Propaganda – mit überhöhten Opferzahlen wird Geschichtsverfälschung und -umdeutung betrieben.

Die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 ist zum Mythos geworden. Bei einem Mythos fällt es schwer, Fakten von Legenden zu trennen. Dies gilt in diesem Fall vor allem für die Zahl der Opfer. Der Grund liegt vor allem in der politischen Instrumentalisierung durch die NS-Machthaber. Die Nazis missbrauchten ihre verlogene Berichterstattung über „hunderttausende Opfer“, um Kriegshandlungen der Alliierten anzuprangern und die Bevölkerung zum Widerstand gegen die vorrückenden Befreier anzuhalten. Heute sind es alte und neue Rechtsextremisten, die den „Mythos Dresden“ für ihre Propaganda nutzen. So sprach der Fraktionschef der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, Holger Apfel, in seiner Plenumsrede vom 20. Januar über das Gedenken an die Dresdner Opfer, „die unser Volk unter dem Zerstörungswahn hassgeifernder und entkultivierter Antimenschen erbringen musste!“

Rechtsextremisten wollen das Geschichtsfeld Dresden besetzen und aus einer grausigen Erinnerung politisches Kapital schlagen. Nicht zur Kenntnis genommen wird in diesen Kreisen, dass Dresden 1945 das größte noch existierende Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie und ein strategisch bedeutsamer Verkehrsknotenpunkt war. Dresden war eine jener Städte, in der reichsweit am 8. März 1933 die ersten Buchverbrennungen stattfanden und die bis zum 8. Mai 1945 eine funktionierende NSDAP-Verwaltung hatten. Noch am 7. Mai 1945 wurde in Dresden die letzte NS-Tageszeitung gedruckt. Wenn heute der Angriff auf Dresden mit dem Hinweis verdammt wird, dass der Krieg ja bereits entschieden war, muss man erwidern, dass dieser vollkommen sinnlose Krieg noch wochenlang vom Deutschen Reich – auch per Luft – kompromisslos weitergeführt wurde. Zuletzt explodierte am 27. März 1945 in London eine V-2-Rakete.

Gebetsmühlenartig beharren Rechtsextremisten auf einer Opferzahl von rund 250 000 Personen in Dresden. Um die historische Wahrheit scheren sich diese Kreise nicht. Vier Tage nach dem Angriff auf Dresden im Februar 1945 erhielt Hanns Voigt, Mitarbeiter der Stadtverwaltung Dresdens, den Auftrag, für die Vermisstenzentrale eine Abteilung einzurichten. Er meldete den NS-Machthabern die Zahl von rund 35 000 getöteten Menschen. Die Nazis missbrauchten die Getöteten posthum in einer ihrer letzten Propagandaschlachten, vervielfachten die Zahl der Opfer und schufen so den bis heute in rechtsextremen Kreisen beliebten „Mythos Dresden“.

1953 veröffentlichte Georg Feydt in der Zeitschrift „Ziviler Luftschutz“ die erste sachliche Darstellung des Bombenangriffs. Auch seine Zählung ergab unter 40 000 Tote. Zehn Jahre später verkündete der Geschichtsrevisionist und spätere Holocaust-Leugner David Irving in seinem Buch „The Destruction of Dresden“ (engl. 1963, dt. 1965) weitaus höhere Zahlen. Er stützte sich auf ein ihm bekanntes gefälschtes Dokument und rechnete die Zahl der Opfer auf 135 000 – beziehungsweise in späteren Neuauflagen des Buches auf 250 000 Tote – hoch. Akribisch wurde ihm von Richard J. Evans, Professor für Neuere Geschichte an der Cambridge University, in dessen Buch „Der Geschichtsfälscher. Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess“ diese Geschichtslüge nachgewiesen.

Die Legende vom „Bomben-Holocaust“

1986 stellte Irving in einem Vortrag die Bombardierung von Dresden der industriell betriebenen Massenvernichtung in Auschwitz gleich: „Mir wurde klar, dass es in dem, was ich da (über Dresden) erfuhr, um etwas ging, das wir heute wahrscheinlich als einen Holocaust bezeichnen würden ... Natürlich spricht heute jedermann über Dresden im gleichen Atemzug wie über Auschwitz und Hiroshima. Das ist mein Verdienst, meine Damen und Herren. Ich bin ein wenig stolz, wenn ich jedes Jahr am 13. oder 14. Februar ... die Zeitungen lese, und dort steht etwas über Dresden, denn bevor mein Buch zu diesem Thema erschien, hatte die Außenwelt noch nie etwas von Dresden gehört.“

Am 21. Januar 2005 fand die Legende vom „Bomben-Holocaust“ den Weg in das sächsische Landesparlament. NPD-Fraktionschef Holger Apfel lobte Irving als „weltweit renommierten Historiker“, der als „einer der ersten ... schon vor Jahrzehnten ... das Singuläre des Angriffs vom 13. Februar 1945 ... unterstrich“. Apfel hetzte, an die Abgeordneten der demokratischen Parteien gerichtet, weiter: „Warum diese paranoiden Versuche, den Bomben-Holocaust herunterzurechnen? Warum dieser erbärmliche Nationalmasochismus?“

Am 17. Juni 2003 marschierten in Hamburg NPD-Anhänger anlässlich einer „Gedenkdemo für alliierten Bomben-Holocaust“ auf. Hauptredner war der NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt. Im Jahr 2004 veröffentlichte Karsten Kriwat, zeitweilig DVU-Funktionär, ein Buch namens „Der andere Holocaust. Die Vertreibung der Deutschen 1944 – 1949“ im FZ-Verlagsimperium von Gerhard Frey.

„Satanischer Vernichtungswille“ der Alliierten

Der „Mythos Dresden“ bestimmt immer wieder die Schlagzeilen in der extrem rechten bis rechtsextremen Szene. So gab die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ im Jahr 2005 (Ausgabe 7/2005) einem Artikel zu Dresden die Überschrift „‘Ausrotten, Vergasen, Auslöschen’“. Die vierteljährlich erscheinende Schrift „Euro-Kurier“ aus dem Hause des Tübinger Grabert Verlages merkte zu den Dresdner Opferzahlen an: „Während die Verlustzahlen anderer Opfergruppen als sakrosant gelten, deren Infragestellen schnell vor den Kadi führen kann, überbieten sich Etablierte darin, die deutschen Opferzahlen kleinzureden und Jahrhundertverbrechen der alliierten Angriffe zu marginalisieren.“ Ganz in diesem Sinne wusste das antisemitische Hetzblatt „Phoenix“ des österreichischen Holocaust-Leugners Walter Ochensberger von 480 000 Toten in Dresden zu berichten, die durch den „satanischen Vernichtungswillen“ der Alliierten umgekommen seien.

Zur „Buch-Neuerscheinung des Monats“ kürte die „National-Zeitung“ das von dem selbst ernannten Luftkriegsexperten Wolfgang Schaarschmidt verfasste Werk „Dresden 1945 – Dokumentation der Opferzahlen“. In einem Interview mit der „National-Zeitung“ sprach Schaarschmidt von „Dresdens ungesühnter Vernichtung“ und rechnete die Opferzahl auf „130 000 bis 150 000“ Getötete hoch.

Festzuhalten bleibt: Der in rechtsextremen Kreisen gepflegte „Mythos Dresden“ ist eine perfide Art der Geschichtsfälschung, -verdrehung und Umdeutung.

04. 02. 2010 - Anton Maegerle

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