Am 1. September jährt sich der Überfall des Dritten Reichs auf Polen zum siebzigsten Mal. In dem hiesigen Geschichtsbewusstsein sind die gravierenden Folgen des Zweiten Weltkriegs für die Dritte Welt und die enorm hohen Opferzahlen der Dritte-Welt-Soldaten allerdings kaum präsent. Grund genug, mit der Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ an dieses vergessene Kapitel der Geschichte zu erinnern.
Der Ausstellungskurator und Mitautor des Buches, Karl Rössel vom Rheinischen Journalistenbüro, beschreibt die Dritte Welt als „die vergessene zweite Hälfte des Zweiten Weltkriegs“. Er beklagt, dass hierzulande kaum etwas über die hohen Opferzahlen in den Ländern der Dritten Welt bekannt sei. Selbst in Schulbüchern sei zu dieser Thematik fast nie etwas zu finden.
Rössel empfindet dies als „skandalös“, denn die Dritte Welt sei im Zweiten Weltkrieg kein Randthema gewesen. Er erklärt, dass Millionen Soldaten aus Afrika, Asien und Ozeanien im Zweiten Weltkrieg gekämpft hätten. Es habe in der Dritten Welt mehr Soldaten als in Europa gegeben: Allein Indien stellte 2,5 Millionen Kolonialsoldaten. In China habe es mehr Todesopfer gegeben als in den Achsenmächten Deutschland, Japan und Italien zusammen. Er verweist auf neuere Schätzungen, die die Anzahl der Toten auf 21 Millionen schätzen. Die Befreiung der philippinischen Hauptstadt Manila von der japanischen Besatzung etwa habe mehr Todesopfer unter Zivilisten gefordert als in Berlin, Dresden oder Köln. Diese Zahlen, so Rössel, verdeutlichten beispielhaft die weit reichenden Folgen des Zweiten Weltkriegs in der Dritten Welt.
Rössel verweist darauf, dass koloniale Soldaten oftt weniger Sold, schlechtere Unterkünfte und geringere Kriegsrenten erhielten als einheimische Soldaten. Auch seien Kolonialsoldaten häufig in vorderster Front eingesetzt worden. Der Journalist betont, dass sowohl die Achsenmächte als auch die Alliierten Soldaten und Zwangsarbeiter aus den Kolonien rekrutierten, und das oftmals mit Gewalt. Ausdrücklich weist Rössel zudem darauf hin, dass es nicht nur Opfer in der Dritten Welt, sondern auch Kollaborateure der faschistischen Mächte gab.
Die Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ findet vom 1. bis zum 20. September in den Uferhallen in Berlin statt. Grundlage dieser Ausstellung ist das Buch „Unsere Opfer zählen nicht − Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“, das von Recherche International e.V. herausgegeben wurde. Das Buch entstand auf der Grundlage langjähriger Recherchen in 30 Ländern und zahlreichen Interviews mit Zeitzeugen, Veteranen und Historikern. Rössel hofft, mit der Ausstellung dieses bislang unbekannte Thema in den öffentlichen Fokus zu rücken. Begleitet wird die Ausstellung von Filmen, Lesungen, Vorträgen und Führungen.
Weitere Informationen und das Begleitprogramm unter: www.uferhallen.de www.africavenir.org
