05.05.1999 - Die „Protokolle der Weisen von Zion“ dürften die am weitesten verbreitete antisemitische Schrift sein. Inhaltlich suggerieren sie, das Dokument einer jüdischen Weltverschwörung zu sein. %%startcontent%%Tatsächlich handelt es sich um eine Fälschung, die Ende des 19. Jahrhunderts aus Kreisen des zaristischen Geheimdienstes als Manipulationsinstrument für inner-russische politische Konflikte entstand. Obwohl der Nachweis des Plagiats bereits Anfang der zwanziger Jahre öffentlich geführt werden konnte, ver-hinderte dies nicht die bis in die Gegenwart an-dauernde weltweite Verbreitung dieser Hetzschrift. Dabei bedienten sich ihr die unterschiedlichsten politischen Kräfte: Anhänger der Gesellschaftsordnung von „Thron und Altar“ ebenso wie die Nationalsozialisten und Völkischen, aber auch dogmatische Stalinisten und arabische Israel-Feinde, religiöse Fundamentalisten und esoterische Verschwörungstheoretiker.Den Text dieser antisemitischen Schrift zugänglich machen will die von Jeffrey L. Sammons heraus-gegebene Edition, die eine kurze Einführung mit den Erkenntnissen der bisherigen Forschung zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte enthält. Da-nach dokumentiert sie die „Protokolle“ mit erläuternden Kommentaren zu der Bedeutung und Herkunft einzelner Formulierungen oder Hinweisen auf die das Plagiat belegenden Passagen in Fußnoten. Im Nachwort benennt Sammons noch kurz einige Funktionen, Rahmenbedingungen und Ursachen für die breite Wirkung der Schrift: politische und wirtschaftliche Krisenzeiten, Instrumentalisierung zur Herrschaftslegitimation, den Reiz der pseudomachiavellistischen Einstellungen, das magische Verschwörungsdenken und die vielfältige politische Verwendbarkeit.So verdienstvoll es ist, den Text der „Protokolle“ für die Forschung über den Antisemitismus und Verschwörungstheorien wieder zugänglich gemacht und mit der Einführung einen informativen Überblick zum Thema gegeben zu haben, so hätte man sich bei der Edition allerdings hier und da mehr erwartet. Es fehlt etwa an einer direkten Gegenüberstellung und Untersuchung der ursprünglichen Texte und der zu den „Protokollen“ umgedeuteten Passagen, was wichtige Rückschlüsse auf die Arbeitsweise der Fälscher erlaubt hätte. Auch wäre es wünschenswert gewesen, direkter die unterschiedlichen Versionen von Ausgaben der Schrift hinsichtlich der dort aus politischen Motiven vor-genommenen Veränderungen zu untersuchen. Und schließlich mangelt es auch an einer Bibliographie der erschienenen Ausgaben der „Protokolle“, die sicherlich nicht vollständig sein könnte, gleichwohl aber den internationalen Verbreitungsgrad der Schrift veranschaulicht hätte.Ausführlich über die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der antisemitischen Schrift informiert die erstmals 1967 erschienene, jetzt in deutscher Sprache neu aufgelegte Arbeit „‘Die Protokolle der Weisen von Zion’. Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ von dem britischen Historiker Norman Cohn. Er will darin zeigen, wie zwischen der Französischen Revolution und dem Zweiten Weltkrieg einige uralte Wahnidee reaktiviert wurde und was die Folgen waren. Dazu beschreibt Cohn allgemein die Verbreitung des antisemitischen Verschwörungsmythos und besonders die Geschichte der „Protokolle“.Seine Darstellung sieht sich dabei von der Auffassung motiviert, daß es zum Holocaust nicht ohne die Akzeptanz und Verbreitung von paranoiden Konspirationsauffassungen im Sinne der „Protokolle“ gekommen wäre.Bei der Beschreibung der Geschichte der „Protokolle“ widmet sich der Autor zunächst den Ursprüngen des Verschwörungsmythos im antisemitismus des Mittelalters und den antifreimaurerischen Verschwörungsauffassungen zur Zeit der Französischen Revolution und geht danach auf die Verbreitung der Konspirationsauffassungen durch reaktionäre Kräfte im 19. Jahrhundert ein. Dem folgt eine ausführliche Beschreibung der Hinter-gründe der Ursprungsschrift für den Text der „Protokolle“, Maurice Jolys Streitschrift über ein Gespräch von Machiavelli und Montesquieu in der Unterwelt. Anschließend werden der vom zaristischen Geheimdienst ausgehende Fälschungsvorgang und die Wirkung der „Protokolle“ in Rußland vom Beginn des Jahrhunderts bis zur Oktoberre-volution und dem folgenden Bürgerkrieg be-schrieben. Daran anknüpfend widmet Cohn sich der Wirkungsgeschichte der „Protokolle“ in Deutsch-land bei den völkischen Gruppen zu Beginn der Weimarer Republik und in anderen Ländern, wo sie wie in England zur Rechtfertigung der Intervention in Rußland dienen sollten oder wie in den USA auch bekannte Persönlichkeiten wie Henry Ford zur antisemitischen Agitation motivierten. Demfolgend konzentriert sich der Autor wieder auf die besonders verhängnisvoll wirkende Verbreitung des Verschwörungsmythos in Deutschland, sowohl bezogen auf seine ideologische Verbindung mit der deutschen Rassenideologie als auch hinsichtlich der Verwendung in der Nazi-Propaganda. Die letz-ten beiden Kapitel handeln zum einen von dem Berner Prozeß um die „Protokolle“ und zum anderen noch einmal von der internationalen Verbreitung der antisemitischen Schrift, die zwar bei Cohn 1945 endet – er hebt allerdings in den Vorworten auch hervor, daß sie danach noch weiter verbreitet wurde. Der Anhang enthält noch eine kommentierte Bibliographie zu neuen Forschungen und Veröffentlichungen sowie unter anderem die Dokumentation einiger Parallelstellen der „Protokolle“ zu Jo-lys Schrift und Abbildungen von den handelnden Personen und wichtigen Schriftstücken.Cohns Arbeit ist nicht nur eine informative und sachkundige Darstellung, sondern liest sich auch überaus spannend, was verständlicherweise an dem beschriebenen Stoff liegt. Der britische Historiker hatte Mitte der sechziger Jahre alle seinerzeit verfügbaren Informationen zusammengezogen und daraus die vorliegende Beschreibung der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte eben jener „Protokolle“ erarbeitet. Mitunter findet man dabei ein paar kleine Fehler oder inhaltliche Ungenauigkeiten, auch sind bedauerlicherweise nicht alle Angaben durch Quellen sorgfältig belegt. Gleichwohl handelt es sich sowohl für die damalige als auch heutige Zeit um eine unverzichtbare Beschreibung zur Geschichte der „Protokolle“. Sie kann angesichts fehlender diesbezüglich eindeutiger Quellen auch nicht lückenlos die im Geheimen stattfinden-de Fälschung der „Protokolle“ rekonstruieren, ver-mag es aber anhand der präsentierten Indizien ei-ne durchaus überzeugende Version darzustellen. Demgegenüber fehlt es allerdings an einer systematischen Analyse zu den Ursachen der Wirkung der „Protokolle“, wozu Cohns Darstellung zwar überaus hilfreiche Informationen und Anregungen – etwas zu den versteckt religiösen Motiven – liefert, aber keinen eigenen Ansatz vorträgt.Jeffrey L. Sammons (Hrsg.), Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus - eine Fälschung. Text und Kommentar, Göttingen 1998 (Wallstein Verlag), 128 S., 29 DM.Norman Cohn, Die Protokolle der Weisen von Zion. Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung, Baden-Baden- Zürich 1998 (Elster Verlag) 347 S., 48 DM.