Zuviel Braun in Ost und West

Von Jörg Hafkemeyer
27.01.2012 -

Die extreme Rechte hat in zahlreichen Ländern der Europäischen Union nennenswerten Zulauf – die gewaltbereite Neonazi-Szene ist gut vernetzt, man kennt sich untereinander.

Photo: bnr/H.K.

Es ist ein früher Abend im Züricher Stadtteil Wiedikon. Der 71 Jahre alte Abraham Grünspan ist an diesem 7. Juni 2001 auf dem Weg zur Synagoge. Grünspan trägt einen Bart, hat einen langen Mantel an und einen Hut auf dem Kopf.

Ein orthodoxer Jude und Leiter einer Talmudschule in Israel. Grünspan geht an diesem Sommerabend durch die Weberstraße. Zwei Schüsse peitschen in der Nähe, treffen den alten Mann tödlich. Die Polizisten finden die Patronenhülsen, einige Zigarettenstummel. Die Täter finden sie nicht. Bis heute nicht.

Sechs Tage später: Ein Schneider wird in Nürnberg nieder geschossen. Vierzehn Tage danach wird in Hamburg ein Gemüsehändler ermordet. Wieder mit einer Pistole. Und Ende August 2001 in München ein Ladenbesitzer. Vier Morde, von denen die in Deutschland begangenen der Zwickauer Terrorzelle zur Last gelegt werden. Im Fall von Abraham Grünspan ermitteln die Polizeien in Deutschland und in der Schweiz.

Der rechte Rand ist kein Rand mehr

Eines steht fest, Neonazis und Rechtsextremisten sind zu einem großen Problem in West- wie Osteuropa geworden. Nicht nur auf der Straße oder im Internet, sondern bis hinein in die Parlamente. Der rechte Rand ist kein Rand mehr.

Tschechische Rechtsextremisten marschieren am 1. Mai 2009 durch Prag. Sie sind Antisemiten, ziehen über die Roma her, sind fremdenfeindlich, sehr aggressiv und in weiten Teilen gewaltbereit. Sie haben sich ebenso wie die jugendlichen faschistischen Horden in Ungarn und im Baltikum in den vergangenen zwei Jahrzehnten radikalisiert.

Bei den National- und Europawahlen in Ungarn, Bulgarien, der Slowakei und Rumänien kamen extrem rechte Parteien auf mehr als 10 Prozent. Überwiegend gewählt von denen, die sich als Verlierer des Zusammenbruchs des kommunistischen Systems sehen, die Schuld bei Anderen suchen, meistens bei Juden und Zigeunern und sich in einen ignoranten Nationalismus flüchten.

Solche fremdenfeindlichen Gruppen gibt es auch in England, dort ist es die British National Party. In Belgien ist es der Vlaams Belang. In Dänemark die Volkspartei, in den Niederlanden die Populisten um Geert Wilders. In allen diesen Ländern der Europäischen Union haben die extremen Rechten nennenswerten Zulauf. Sie sind gut vernetzt – in einigen Fällen auch bis hinein in den gewaltbereiten Teil der Neonazis.

Kontakte zum Zwickauer Terrortrio

Deutlich hat sich das bereits vor einigen Jahren in Österreich gezeigt. Die Bereitschaft der Neonazis zu Gewalttaten habe deutlich zugenommen, führt Heribert Schiedel in seinem Buch „Der Rechte Rand“ aus: „So sind laut Bundesministerium für Inneres die rassistischen Straftaten von 13 (2005) auf 28 (2006) gestiegen, darunter Brandanschläge und schwerste Körperverletzungen.“ Und weiter: „Das die FPÖ nach all den Skandalen und Spaltungen der letzten Jahre und trotz ihres weiteren Rechtsrucks noch immer von mehr als 10 Prozent gewählt wird, weist auf eine Hegemonie von antisemitischem, rassistischen und autoritären Gedankengut zumindest in bestimmten Milieus“ hin.

Jene Neonazis und Rechtsextremisten, die sich in diesen Milieus bewegen, kennen sich untereinander. So steht beispielsweise ziemlich sicher fest, dass Neonazis aus der Schweiz Kontakte zum Zwickauer Terrortrio hatten. Das gilt vor allem für die Kadergruppen der Partei National Orientierter Schweizer (PNOS). Ein PNOS-Ex-Funktionär war mit dem Neonazi-Netzwerk in Sachsen wie in Thüringen gut bekannt, besuchte deren „Fest der Völker“, auf dem der PNOS-Präsident Dominic Lüthard auftrat. Lüthard, der Frontsänger, betreibt mit seiner Band „Indiziert“ regelrechte Hetzkampagnen.

Schließlich: Die Pistole, mit der Abraham Grünspan und die anderen drei Männer in diesem mörderischen Sommer 2001 erschossen wurden, ist eine Ceska 83 aus dem Schweizer Kanton Solothurn. Ende der 90er Jahre war ein Mitglied der Zwickauer Bande in der Schweiz und das Auto, mit dem sie auf der Ostseeinsel Urlaub machten, hatte ein Schweizer Kennzeichen.

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de

 

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