EU-Gelder für rechtsextremes Magazin?

Von Andreas Speit
25.11.2016 -

Der AfD-Europaabgeordnete Marcus Pretzell schreibt Kommentare für die Zeitschrift „Zuerst!“ – die Redaktion weist sie als „Anzeigen“ aus.

Meinungsbeitrag oder Geldzuwendung für rechtsextremes Magazin? (Screenshot)

Ein kleingedrucktes Wort offenbart die zusätzliche Einnahmequelle. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Zuerst! Deutsches Nachrichtenmagazin“ hat der AfD-Europaabgeordnete Marcus Pretzell einen Kommentar veröffentlicht. Offen freundlich lächelt er im Dezember-Heft vom Bild neben dem Text. Rechts am Rand steht schräg und klein: „Anzeige“. Es scheint sich bei dem Text also nicht um einen redaktionellen Beitrag zu handeln, sondern um eine Anzeige.

Das Format bedingt die Pointierung. In der „Zuerst!“ aus der rechtsextremen Verlagsgruppe Lesen & Schenken um den norddeutschen Verleger Dietmar Munier schreibt Pretzell unter dem Titel „In der Zwickmühle“ überdeutlich, dass den „weltfremden Benelux-Bürokraten und größenwahnsinnigen Kerneuropäern“ mit ihrem multikulturellen Europa durch Viktor Orbán und Robert Fico Widerstand entgegen trete. Denn diese Staatsmänner würden „ihrem Menschenverstand folgen und auf den Willen ihres Volkes hören“. Die Slowakei und Ungarn „sollen sich für ein paar lumpige Euro den Kampf der Kulturen ins Land holen“ schreibt Pretzell weiter, der seit 2014 auch Landesvorsitzender der AfD in Nordrhein-Westfallen ist.

Der Beitrag eines AfD-Spitzenpolitikers in dem extrem rechten Magazin überrascht nicht mehr. In den vergangenen Jahren hatte zuerst der thüringische Landtagsfraktionschef der AfD, Björn Höcke, dem farbigen Heft ein Interview gegeben. Weiter AfD-Funktionäre folgten. Einer von vielen neben Höcke: AfD-Bundesvize Alexander Gauland.

ENF-Logo am Ende des Textes

Der zweispaltige Kommentar von Pretzell, an dessen Ende das Logo der ENF steht, der Fraktion „Europa der Nationen und der Freiheit“, findet sich auf Seite 45 der „Zuerst!“-Ausgabe. Hat der Europaparlamentarier der AfD, eng mit Bundessprecherin Frauke Petry vertraut, Geld für den Kommentar an das rechtsextreme Magazin überwiesen? Wurden die Kosten von der von Marine Le Pen geführten Fraktion im EU-Parlament beglichen? Seit 1. Mai dieses Jahres gehört Pretzell dieser Fraktion an, in die auch die FPÖ eingebunden ist. Eine Nähe, die einst Petry nicht wollte – lang ist es her. Auf dem Stuttgarter Parteitag vom 30. April bis zum 1. Mai dieses Jahres hatte Pretzell über das Saalmikrofon die neue Partnerschaft mit der rechten Fraktion verkündet. Widerspruch erfolgte nicht.

Eine schriftliche Nachfrage zu dem Wort „Anzeige“ ließ Pretzell tagelang unbeantwortet. Ein Nachfassen bei der Redaktion des Magazins, wie hoch die Kosten für so eine Anzeige seien, blieb ebenso ohne eine Antwort. Die Verlagsgruppe, mit Sitz in Martensrade bei Kiel, wollte auch nicht einräumen, ob über den Abgeordneten oder die Fraktion Gelder aus dem Europäischen Parlament geflossen seien.

„Zweifelsfrei rechte Zeitung“

Bereits im November erschien in „Zuerst!“ ein Text von Marcus Pretzell mit dem Vermerk „Anzeige“. Das würde möglicherweise eine langfristige Zusammenarbeit und Geldzuwendung nahelegen. „Die AfD finanziert hier ungeniert und sicher großzügig ein rechtsradiales Blatt“, sagt Jan Philipp Albrecht, innen- und justizpolitischer Sprecher der Grünen/EFA-(Europäische Freie Allianz)Fraktion.

Die seit 2009 erscheinende „Zuerst!“ warnt immer wieder vor „Ausländern“, Homosexuellen und „68ern“, nicht ohne die Einflüsse der „jüdischen Lobby“ zu beklagen. Die verlegerische Intention verschweigt Munier nicht: Mit der „zweifelsfrei rechten Zeitung“, sagte er dem Szeneportal „Gesamtrechts“ im Erscheinungsjahr, sollen die „ganzen Alt-68er, die am Drücker sitzen, ordentlich in die Zange“ genommen werden. Denn Deutschland sei gefährdet: durch „massenhafte Einwanderung“, „rekordverdächtige Fortpflanzung der Fremden“ und „Verlust der eigenen ethnischen Identität“. Munier selbst pflegt das vermeintlich arteigene Brauchtum und lädt zu Sonnenwendfeiern ein. 2012 war der verurteilte Holocaust-Leugner Ernst Zündel einer der Gäste des privaten Events auf Muniers Grundstück. Eine Nähe, die die AfD heute offenbar längst nicht mehr scheut.

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