Fackelmarsch in Bautzen; YouTube-ScreenshotDie Polizei rückte am vorigen Donnerstag frühmorgens an. 44 Wohnungen durchsuchten die Beamten in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg. Masken und Fackeln, Schlagringe, Pyrotechnik, Propagandamaterial und Computertechnik sammelten sie bei den 41 Beschuldigten ein, die am 30. September vorigen Jahres an einer nicht angemeldeten Demonstration im sächsischen Stolpen teilgenommen haben sollen. Ziel der Polizeiaktion waren die „Unsterblichen“.
Seit einem Dreivierteljahr sind Neonazis in der Bundesrepublik unter diesem Label bei semi-öffentlichen Aktionen unterwegs. Die Masche ist fast immer die gleiche. Im Schutz der Dunkelheit ziehen sie unangemeldet, weiße Gesichtsmasken tragend und mit Fackeln sowie Feuerwerkskörpern ausgestattet, durch die Straßen. Bevorzugt werden dabei kleinere Städte oder Stadtteile ausgewählt, die von größeren Polizeikräften möglichst nicht rasch zu erreichen sind. Nach 20 oder 30 Minuten endet das Spektakel bereits. Wenn die Polizei erscheint, sind die Neonazis im – für sie optimalen Fall – schon wieder von der Bildfläche verschwunden.
Für Teile der Szene ist dieses Demokonzept attraktiv. Und das aus zweierlei Gründen. Zum einen scheint es eine Alternative zu bieten zu legalen Demonstrationen, bei denen Auflagen der Behörden zu beachten sind und die zuweilen durch Gegendemonstranten gestört oder gar komplett verhindert werden. Zum anderen ist es den Organisatoren gelungen, ihr Action und Erlebnis versprechendes Konzept mit schwülstigen Begründungen für den Kampf gegen einen angeblichen „Volkstod“ und mit einem „volksgemeinschaftlichen“ Pathos zu unterlegen, das direkt an NS-Töne erinnert. Wer mitmacht, darf sich zu den „Unsterblichen“ rechnen.
Nach jener Demonstration in Stolpen im vorigen Herbst wurde auf der Internetseite des südbrandenburgischen Neonazi-Netzwerks „Spreelichter“ beschrieben, was „Unsterblichkeit“ ausmacht und wie man zu ihr gelangen kann: „Unsterblich sind jene, die durch ihr Handeln unserem Volk in der Geschichte seinen Platz erkämpft haben. Unsterblich sind ihre Worte und Taten, solange sich Deutsche auf sie besinnen. Und stets haben Deutsche, auch in Zeiten größter Not und tiefster Erniedrigung dieses Erbe angenommen und es verstanden, den Mut der Ahnen selbst zu fassen.“ Die Taten weniger hätten zu jeder Zeit das Schicksal aller zum Guten gewendet. Der Beitrag endet mit den Worten: „Nun ist es an dir! Entfach auch du das Feuer! Schließ dich den Unsterblichen an, um selbst unsterblich zu werden!“
Im „Thiazi“-Forum, einer der wichtigsten Diskussionsplattformen der Szene im Internet, wird seit Anfang Mai ebenso ausdauernd wie anhaltend über die „Unsterblichen“ diskutiert. Anlass war deren erstes Auftreten am Vorabend des 1. Mai 2011 in Bautzen. Zwischen 150 und maximal 300 Neonazis waren dort mit ihren Masken, Pyrotechnik zündend, durch die Straßen gelaufen. „Der Staat ist am Ende – wir sind die Wende!“, riefen sie und: „Wer hat uns verraten? Die Demokraten! Wer macht damit Schluss? Nationaler Sozialismus!“ In einem nach der Demonstration bei „Thiazi“ und auf der Internetseite der „Spreelichter“ veröffentlichten Bericht wurde der so typische pathetische Ton angeschlagen, der auch die folgenden Aktionen begleiten sollte: „Die Parolen dringen aus hunderten Kehlen junger Deutscher, die sich dem durch die Demokraten verordneten Schicksal nicht fügen.“ Die Maskierung wird mit der Furcht vor „staatlicher Repression“ begründet – aber eben nicht nur damit: „Alle tragen identische weiße Masken, die nicht nur der Gleichheit ihres Wollens symbolhaft Ausdruck verleihen, sondern es den herbeigeeilten Polizeikräften unmöglich machen, durch sogleich gefertigtes Foto- und Videomaterial die ,Täter’ zu ermitteln.“
Bei jenen „Spreelichtern“ scheinen die Wurzeln der „Unsterblichen“-Kampagne zu liegen. Sie bereiteten den Boden vor, indem sie sich seit mindestens fünf Jahren darum bemühten, neue Formen öffentlichkeitswirksamer Auftritte von Neonazis jenseits der üblichen angemeldeten Demonstrationen zu entwickeln. Und sie lieferten die ideologische Grundierung mit ihrer „Volkstod“-Kampagne. Sie bietet aus der Neonazi-Perspektive den Vorteil, dass unter dieser Überschrift vieles angesprochen werden kann, was als Propagandathema zu taugen scheint: von der demografischen Entwicklung im Allgemeinen bis hin zu den konkreten Folgen, zumal in ländlichen Regionen im Osten der Republik, von der „Überfremdung“ bis hin zum „Werteverfall“, von der Kritik an der „Selbstverwirklichung des Individuums“, die „keinerlei persönliche Verantwortung“ kenne, bis hin zur in extrem rechten Kreisen gepflegten Kritik an der „wahnhaften Vorstellung von der Menschengleichheit und einer zusammenwachsenden Welt“.
Mit der Aktion in Bautzen am 30. April war der Grundstein für die „Unsterblichen“-Euphorie eines Teils der Szene gelegt: Neonazis als Elite der Gesellschaft, die niemand aufhalten kann. Der Kommentator „Sturm Lippe“ schrieb bei „Thiazi“ zwei Tage später, die nächtliche Demo sei die beste Aktion rund um den 1. Mai gewesen: „Die Masken im Fackelschein lassen die Einzelnen zu Einer Einheit der Entschlossenen verschmelzen [...] Bullenkessel, Streckenverkürzungen, Gutmenschenblockaden und Afa-Deppen (= Antifa; Anm.) liegen lassen und dorthin gehen wo die Menschen sind, die wir erreichen wollen...IMMER UND ÜBERALL!!!“ Die Selbstinszenierung der „Unsterblichen“ gefiel ihm auch deswegen, weil sie sich vom Stil der „Autonomen Nationalisten“ unterscheidet und dennoch Action bietet: „Auch diese Masken finde ich sinnvoller als ein Sturmtuch samt Kapuze.“
Erforderlich ist dabei, um Erfolg zu haben, eine möglichst konspirative Vorbereitung der Aktionen. Eine „straffe Organisation“, eine „präzise Organisation und Planung“ nennen Diskussionsteilnehmer bei „Thiazi“ als Voraussetzung. Wo die fehlt, scheitern Aktionen auch schon mal im Ansatz, wie im vorigen Sommer zum Beispiel in Gießen, wo die Polizei Wind von einem geplanten Auftritt der „Unsterblichen“ bekam.
Die meisten Aktionen aber gelangen. Auftritte nach dem Bautzener Konzept mit einer gewissen Öffentlichkeitswirksamkeit fanden auch in anderen sächsischen Städten sowie in Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern statt. Typisch dabei war, dass die Teilnehmer nicht primär um Sympathie bei jenen werben wollten, die unmittelbar Zeugen ihrer Aktionen wurde. Die werden eher abgeschreckt durch die plötzlich auftauchenden, Böller zündenden und Parolen schreienden Neonazis. „Thiazi“-Kommentator „Mauser“ findet das in Ordnung: „Es ist absolut zweitrangig, wie genau solche Aktionen nun genau rüberkommen, ob sie die betroffenen Bürger und Volksgenossen vor Ort nun beeindrucken, ärgern oder verängstigen, solange nur möglichst NIEMAND davon emotional unberührt bleibt und möglichst viele Leute dadurch aus ihrem dumpfen BRD-Alltagstrott gerissen und ihre vermeintliche Seelenruhe gestört wird!“
Die öffentliche Vermittlung soll nicht am Abend der Aktion geschehen, sondern anschließend vor allem im Internet: „Das Wichtigste“, meint „Mauser“, „sind möglichst viele BILDER und VIDEOS von solchen Aktionen!“ Mitte November machte sich ein Neonazi die Mühe und zählte, wie oft Aktionsvideos bei YouTube aufgerufen worden waren. Er kam auf mehr als 125.000 Klicks.
Doch es gab auch warnende Stimmen. Nach der Aktion in Stolpen warnte ein Kommentator bei „Thiazi“ vor solchen Aufzügen, die lediglich einen „,Flashmob’ für Rechte“ darstellen würden: „Mit dieser Aktion werden die Bürger bestimmt nicht bekehrt! Es stellt eher eine kurzzeitige Faszination dar, bei der die Einkehr der Ernüchterung nicht lange auf sich warten lässt.“ Und ein anderer mahnte, „dieser kontraproduktive Unsinn mit den Unsterblichen“ werde lediglich zur Folge haben, „dass hunderte Kameraden kriminalisiert werden“. Manche von denen, die in der vorigen Woche eine Hausdurchsuchung erlebten, könnten schon bald feststellen, dass „unsterblich“ zu sein, nicht bedeutet, auch juristisch unantastbar zu sein.
Die SPD ruft zur Beteiligung an den Protesten gegen den Nazi-Aufmarsch auf!
Weitere Informationen unter:
http://www.dresden-nazifrei.com/
http://13februar.dresden.de
