Sozialwissenschaftlicher Blick auf Pegida

Von Armin Pfahl-Traughber
18.02.2016 -

Die Politikwissenschaftler Hans Vorländer, Maik Herold und Steven Schäller legen in ihrem Buch „PEGIDA. Entwicklung, Zusammensetzung und Deutung eine Empörungsbewegung“ sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zu dieser „Protestbewegung“ von rechts vor.

Pegida: „Ausgeprägte nationalistische und ausländerfeindliche Orientierung“; Screenshot, Verlagsseite

Bis zu 25 000 Demonstranten brachten die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) auf ihrem Höhepunkt zu ihren Versammlungen zusammen. Mittlerweile ist die regelmäßige Teilnehmerzahl auf unter 5000 geschrumpft, interessanterweise obwohl die gegenwärtige Flüchtlingsentwicklung für sie ein Mobilisierungsthema wäre. Die Entwicklung von Pegida ist von Anfang an auch von Sozialwissenschaftlern „begleitet“ worden. Dabei sind einige Studien entstanden, die aber hinsichtlich der Repräsentativität nicht unproblematisch waren. Eine solche Forschergruppe stand auch unter der Leitung von Hans Vorländer, der Politikwissenschaft an der TU Dresden lehrt. Er hat mit seinen beiden wissenschaftlichen Mitarbeitern Maik Herold und Steven Schäller eine Analyse mit dem Titel „PEGIDA. Entwicklung, Zusammensetzung und Deutung einer Empörungsbewegung“ vorgelegt. Darin wollen die Autoren die Entwicklung nachzeichnen, die Positionen bewerten und nach Ursachen fragen. Dabei argumentieren sie mit Vorsicht und Zurückhaltung, bleiben doch noch viele Fragen offen, wenngleich die empirischen Befunde klar das Bild einer Bewegung der Empörung zeichnen.

Am Beginn der Untersuchung der Dresdner stehen Ausführungen zur Entstehung, Mobilisierung, Organisation und Spaltung sowie zu den Reaktionen auf Pegida in Gesellschaft, Medien und Politik. Dem folgen Inhalte und Positionen bezogen auf die Reden und Positionspapiere sowie auf das Verhältnis zu AfD und NPD. Anschließend präsentieren die Autoren ihre empirischen Befunde, auch im Vergleich mit anderen Studien. Hier stehen Ausführungen zu Einstellungen, Merkmalen und Motiven im Vordergrund. Dabei wird konstatiert, dass eine tiefe Kluft in der Wahrnehmung der Teilnehmer bestehe: „einer Kluft zwischen den Massenmedien, der veröffentlichten Meinung und der etablierten Politik auf der einen Seite und den alltäglichen ‚Problemen des Bürgers’, dem ‚Willen des Volkes’ auf der anderen Seite.“ Und weiter heißt es: „Die Frage der Zuwanderungs-, Flüchtlings- und Asylpolitik scheint hierfür eine katalytische Rolle gespielt zu haben“ (S. 68). Motivierend war laut den Auskünften bei der Befragung nicht das Thema Islam, sondern die Politikverdrossenheit.

30 bis 40 Prozent der Dresdner Demonstranten offen ausländerfeindlich

Die Wissenschaftler nehmen aber noch weitere Deutungen der empirischen Befunde vor. Die Einstellungen vieler Demonstranten unterscheide sich nämlich nicht maßgeblich von denen in der Gesamtbevölkerung. Gleichwohl heißt es: „Im Hinblick auf die Quantität der Verbreitung und Rolle ausländerfeindlicher Ressentiments unter Pegida-Teilnehmern gibt es weitestgehend übereinstimmende Befunde. Demnach wird der Anteil offen ausländerfeindlich eingestellter Personen unter den Dresdner Demonstranten auf 30 bis 40 Prozent geschätzt“ (S. 102). Ganz allgemein betonen die Autoren, dass Pegida weder motivational noch personell eine einheitliche Bewegung sei. Allerdings unterscheide sie sich von bisherigen Protestbewegungen: „Pegida ist ... als ein erster erfolgreicher, populistisch gefasster Mobilisierungsversuch von vorhandenen ethnozentrischen Einstellungsmustern zu verstehen, welcher sich gerade nicht auf konkrete politische Anliegen richtete, sondern allgemeine Unzufriedenheit öffentlich artikulierte – eine Bewegung der Empörung“ (S. 140).

Vorländer, Herold und Schäller legen eine gut gegliederte und überaus informative Bilanz der bisherigen empirischen Forschung zu Pegida vor. Dabei fällt bezogen auf Einschätzungen und Erklärungen ihre Vorsicht und Zurückhaltung auf, ist doch vieles noch unklar. Dies gilt auch für die Frage, warum hier ausgerechnet Dresden den örtlichen Schwerpunkt bildete. Die Autoren schreiben außerdem: „Auf der einen Seite konnten unter den Dresdner Demonstranten ausgeprägte nationalistische und ausländerfeindliche Orientierung festgestellt werden, auf der anderen Seite liegen in Bezug auf neo-nationalsozialistische Einstellungsmuster keine konkreten Hinweise vor“ (S. 102). Dies muss kein Gegensatz oder Widerspruch sein. Denn Rechtsextremismus artikuliert sich nicht nur im Neonationalsozialismus. Es gibt bei der Ablehnung von Demokratie auch andere Ideologieformen. Berücksichtigt man dies, dann ergeben sich bezogen auf den politischen Charakter von Pegida möglicherweise etwas andere Ergebnisse.

Hans Vorländer/Maik Herold/Steven Schäller, PEGIDA. Entwicklung, Zusammensetzung und Deutung einer Empörungsbewegung, Wiesbaden 2016 (Springer VS), 165 Seiten, 24,99 Euro; E-Book 19,99 Euro.

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