Ein Rächer macht Frieden

Von Nils Michaelis
10.11.2011 -

Abgewrackter Rockstar jagt Nazi-Greis: Gibt es eine absurdere Geschichte? Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino wählte dieses Figurentableau, um in seinem neuen Film zu den psychologischen Untiefen eines Außenseiters vorzudringen.

Bild: Delphi

Für mich muss jedes Drama mit Ironie gebrochen werden“, sagt Sorrentino. Daher macht sich kein professioneller Nazijäger auf den Weg von Irland in die USA, sondern ein Typ namens Cheyenne. Besser gesagt: Er stolpert in einen verdrängten Teil seiner Familiengeschichte hinein.

Cheyennes Reise zu sich selbst ist die eigentliche Geschichte. Seit 20 Jahren verkriecht sich der alternde Gothic-Rocker in seinem irischen Schloss. Die einstigen Erfolge sind verflogen – doch warum sollte er sein Outfit ändern? Mit toupierter schwarzer Matte, weiß getünchtem Gesicht und rotem Lippenstift erinnert der 50-Jährige an Robert Smith von The Cure. Wenn er in Jogginghose durch den Supermarkt schlurft, macht er Ozzy Osbourne alle Ehre.

Doch Cheyenne steht nicht nur für den Versuch, den körperlichen Niedergang durch Maskerade zu vertuschen. Wenn er sich die Anstrengung zumutet, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten, ist er die verkörperte Antithese zu allem, was wichtig und schicklich erscheint – ein
trauriger Clown, der auf seine Art die Welt verlacht.

Der Sohn will Klarheit

Plötzlich ist es aus mit der lieblichen Depression. Der Tod des Vaters, dem er 30 Jahre lang aus dem Weg gegangen war, legt in Cheyenne einen Schalter um: Er reist zu seiner jüdischen Familie in New York. So wie sein eigenes Leben vor sich hin dümpelte, so diffus machten auch die väterlichen Erinnerung an den Holocaust unter den Angehörigen die Runde. Cheyenne will Klarheit. Und die Tragikomödie wird zum Roadmovie.

Je näher Cheyenne dem einstigen Nazi-Schergen, der seinen Vater peinigte, kommt, desto entschlossener befreit er sich von bisherigen Hemmnissen. Wenige Wochen zuvor war ein Besuch in der Shopping Mall das höchste der Gefühle: Nun brettert der verlorene Sohn mit einem Pickup Tausende Kilometer durch die amerikanische Pampa. Die unendliche Weite New Mexicos – spiegeln sich darin nicht auch ferne Gestade von Cheyennes innerer Welt wider, die er erstmalig besichtigt? Kann er nach diesem Trip der Alte bleiben?

Sorrentino ist in Deutschland vor allem seit „Il Divo“ bekannt: Für das Porträt des italienischen Polit-Paten Giulio Andreotti erhielt er 2008 den Preis der Jury beim Filmfestival in Cannes. Auch in seinem neuen Film gelingt es ihm in denkbar gelassener Erzählweise, ins Innere seines Protagonisten vorzudringen, ohne der Versuchung zu erliegen, das Geheimnis – vermeintlich! – zu lüften. Die Natur des Menschen lässt sich weder mit Bildern noch mit Worten übersetzen. Allenfalls ist eine Annäherung möglich – die freakige Nebelkrähe Cheyenne ist dafür ein vortreffliches Beispiel.

Sean Penn als Entdeckung

Selbst wer Sean Penn bislang in verschiedenen Rollen bewundern durfte, hat zunächst Mühe, seiner unter all der Schminke und der wirren Haarpracht wahrhaftig zu werden. Der Oscarpreisträger steht klar im Mittelpunkt: Allein sein träger Gruftie-Blick macht jede andere Besetzung für diese Figur undenkbar. Nicht zu reden von seiner fast schon lasziven Art, mit der er einem Wutausbruch Ausdruck verleiht, indem er sich eine Haarsträhne aus der bleichen Visage pustet.

Und doch läuft Penn/ Cheyenne erst in der Interaktion mit seinen Mitmenschen zu großer Form auf. Sei es die zupackende Ehefrau Jane (Frances McDormand) oder das trübsinnige Gothic-Girlie Mary (Eve Hewson), mit der er manchen Nachmittag in besagter Mall vertrödelt. Andererseits kann man sich fragen, wieso Sorrentino so tief in die Kostümkiste greifen musste, um einen vollendeten Außenseiter vorzuführen. Womöglich hätte Penn einem unauffälligen, kindlichen Vorstadt-Normalo erst recht Tiefe verliehen – die Schlussszene lässt es erahnen.

So vielschichtig wie Cheyennes Persönlichkeit ist letztlich auch die Stilgestalt dieses Films. Zur Tragikomödie und zum Roadmovie gesellt sich ein weiteres Element: Gewissermaßen handelt es sich auch um einen „Musikfilm“. Nicht nur, dass der Originaltitel „This must be the place“ bei den Talking Heads entlehnt wurde – der Sound jener Altmeister des Post Punk und New Wave zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.

Hommage an die Musik seiner Jugend

Deren Mastermind David Byrne komponierte nicht nur die Filmmusik, für eine Konzertszene trommelte er seine ehemaligen Mitstreiter zusammen. Die Songs der New Yorker stehen für Cheyennes Wurzeln und schlagen dennoch die Brücke in die Gegenwart. Sie sind auch eine Hommage des 1970 geborenen Regisseurs an die Musik seiner Jugend. Der wiederum verneigt sich mit ausladenden Landschaftsaufnahmen und Harry Dean Stantons Gastauftritt vor dem Roadmovie-Klassiker „Paris, Texas“.

Angesichts der eigentlichen Intention des Films kann einem ob all dieser Kniefälle mulmig werden. Aber manchmal ist das Schwelgen in Erinnerungen der erste Schritt zur Selbstanalyse.

Info:
„Cheyenne – This must be the place“ (Italien, Frankreich, Irland 2011), Buch und Regie: Paolo Sorrentino, mit Sean Penn, Frances McDormand, Judd Hirsch, Harry Dean Stanton u.a., 118 Minuten.

Kinostart: 10. November

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de

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