Die Nachkriegs-SPD und die NS-Geschichte

Von Paul Starzmann
23.02.2016 -

Bestrafen oder vergeben? Wie ging die deutsche Sozialdemokratie nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Nazis um? Antworten auf diese Fragen liefert jetzt eine Studie der Historikerin Kristina Meyer, die dafür den Willy-Brandt-Preis 2015 erhalten hat.

Willy-Brandt-Preis 2015 für „Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945-1974“; copyright: bundeskanzler-willy-brandt-stiftung

Beim Thema „Wiedergutmachung“ war die SPD nach dem Krieg das Zugpferd in der deutschen Politik, sagt der ehemalige Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse. Zum Beispiel das sogenannte Luxemburger Abkommen von 1952: Deutschland verpflichtete sich, den Staat Israel finanziell bei der Aufnahme jüdischer Flüchtlinge zu unterstützen. Teile der Union stimmten damals gegen die Vereinbarung – ohne die SPD hätte Bundeskanzler Konrad Adenauer das Wiedergutmachungsabkommen nicht durchsetzen können.

Auch für die Aufhebung von NS-Urteilen oder das Errichten von Denkmälern für die Opfer des Nationalsozialismus setzten sich die Sozialdemokraten in der jungen Bundesrepublik ein. Verfolgte die SPD im Nachkriegsdeutschland also einen strengen Kurs gegen die alten Nazis? Die Historikerin Kristina Meyer meint: Nein. Der Umgang der SPD mit der NS-Geschichte war nicht geradlinig, sondern widersprüchlich.
In den 50er und 60er Jahren wollte kaum jemand in der deutschen Öffentlichkeit über die Nazizeit sprechen. In Teilen der SPD, so die Historikerin Kristina Meyer, gab es eine „überraschend große“ Kompromissbereitschaft gegenüber den einstigen Tätern. Der Grund für die hohe Toleranz: Hätte die SPD ausschließlich auf Unbelastete gesetzt, sie hätte kaum Mitglieder gewinnen können. Dass die Partei sich am Schweigen der gesellschaftlichen Mehrheit beteiligte, hatte mit der politischen Lage zu tun – eine offensive Forderung nach Aufarbeitung der NS-Zeit hätte Wählerstimmen gekostet.

Pragmatismus und „antikommunistischer Reflex“

Das Andenken an den linken Widerstand drohte marginalisiert zu werden. Dass sich auch die Arbeiterbewegung gegen die Nazis eingesetzt hatte, wurde in den ersten Nachkriegsjahren beinahe verdrängt – wenn überhaupt, konzentrierte sich die kollektive Erinnerung auf den militärischen Widerstand des 20. Juli 1944. Viele NS-Opfer waren an den Rand gedrängt, ehemals verfolgte Sozialdemokraten hielten ihre Biografien oft zurück, die SPD war gespalten in der Frage nach dem richtigen Umgang mit der NS-Geschichte – aufklären oder vergessen?

Kristina Meyer, Geschäftsführerin des „Jena Center für Geschichte 20. Jahrhunderts“ hat den Umgang der Nachkriegs-SPD mit den einstigen Mitläufern und Tätern untersucht. Ihr Buch „Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945-1974“, das mit dem Willy-Brandt-Preis für Zeitgeschichte 2015 ausgezeichnet wurde, bringt Erstaunliches zutage: Mit Blick auf die gesellschaftliche Stimmung nach dem Krieg sei der Pragmatismus der SPD bei ihrem Umgang mit der deutschen Geschichte zwar nachvollziehbar, so Meyer. Die Sozialdemokraten hätten aber nicht so weit gehen müssen, sich bei den Amerikanern für eine Begnadigung der NS-Verbrecher einzusetzen oder Kritik an den Nürnberger Prozessen zu üben.

Auch der „antikommunistische Reflex“ in Teilen der Partei habe die Aufklärung der NS-Zeit teilweise behindert – die Partei hätte in den frühen Jahren der Bundesrepublik gut daran getan, der Aufarbeitung mehr Raum zu geben, so die Historikerin – auch gegen den Widerstand der Nachkriegsgesellschaft.

Der Laudator beim diesjährigen Willy-Brandt-Preis für Zeitgeschichte, der SPD-Chef Sigmar Gabriel, betonte, die Sozialdemokraten seien bei aller historischen Kritik nach wie vor die „Experten für gesellschaftlichen Zusammenhalt“. In einer Zeit, in der rechtsextreme Einstellungen in weiten Teilen der Bevölkerung wieder salonfähig seien, gelte es zu verhindern, dass „aus Latenz die Tat wird“.

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de

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