Der geheime Massenmord von Kulmhof am Ner

Von Marisa Strobel
06.01.2012 -

Das Centrum Judaicum in Berlin erinnert mit einer Ausstellung an die erste Mordfabrik des Holocaust. Am 8. Dezember 1941 begannen Mitglieder des SS-Sonderkommandos Kulmhof mit der systematischen Vergasung von zigtausenden Juden.

Innenraum der Synagoge in Koło am 10. Juni 1945: Die polnische Untersuchungskommission fand dort auch 6800 Schuhpaare; Photo: Centrum Judaicum

„Wer hier hereingekommen, zurück hat er schon kein Weg gehabt.“ Ein bewegendes Zitat, das über den Bildern der Ausstellung auf einer Tafel steht. Es stammt von einem der wenigen Überlebenden des Lagers Kulmhof, von Szymon Srebrnik (1930-2006). Dass er überlebte, grenzt an ein Wunder: Von mehr als 150.000 entkamen neben ihm nur zwei weitere dem Massenmord in dem seinerzeit Kulmhof am Ner genannten Chelmno nad Nerem in Polen.

Heute zeugt hier – 70 Kilometer nordwestlich von Lódź – nur noch wenig von den grausamen Taten der Vergangenheit. Die Nazis hatten nach Auflösung des Lagers im April 1943 das zum Vernichtungslager umfunktionierte Herrenhaus gesprengt. Auch nach der erneuten Nutzung des Lagers im Sommer 1944 versuchte die SS bis Januar 1945 alle Spuren des Mordens zu beseitigen, verbrannten die Leichen, vergruben die wertlosen Habseligkeiten ihrer Opfer. Doch sie vergaßen das Zwischenlager, eine Synagoge im nahe gelegenen Kolo. Neben Hunderten von an den Wänden eingeritzten Namen und Nachrichten zeugten über 6.800 Paar Schuhe der Opfer von dem Verbrechen.

„Die Juden erledigen“

Ein Schreiben des Leiters des SD-Abschnitts Posen, Rolf Heinz Höppner, vom 16. Juli 1941 ist eines der frühesten Dokumente vom Plan des Massenmords an Juden im Warthegau. Darin schlug Höppner seinem „Kameraden“ Adolf Eichmann, einem der Hauptorganisatoren des Holocaust, vor, „ob es nicht die humanste Lösung ist, die Juden, soweit sie nicht arbeitseinsatzfähig sind, durch irgendein schnellwirkendes Mittel zu erledigen. Auf jeden Fall wäre dies angenehmer, als sie verhungern zu lassen“. Der Massenmord als Erlösung – eine zynische Darstellung des Plans.

Die Wahl des Ortes für eine solch „humane Lösung“ fiel kurze Zeit später auf das kleine Dorf Kulmhof am Ner im besetzten Polen. Keine 300 Einwohner zählte die Ortschaft zu dieser Zeit. Das erste Vernichtungslager der Nazis war im Vergleich zu den kurze Zeit später entstandenen monströsen Mordfabriken wie in Auschwitz und Treblinka nur eine kleine Einrichtung. Der Pachtvertrag für das „Schloss“, wie die Deutschen das heruntergekommene Herrenhaus nannten, setzte am 1. Oktober 1941 ein, der Massenmord im Lager begann wenige Wochen später am 8. Dezember.

Arbeitshäftlinge für die „Entsorgung“ der Leichen zuständig

Im Gegensatz zu Auschwitz, Treblinka und anderen Vernichtungslagern wurde die Stätte des Massenmords nicht eigens erbaut. Das SS-Sonderkommando unter SS-Obersturmführer Herbert Lange funktionierte für die grausamen Pläne ein baufälliges Herrenhaus um, statt gemauerter Gaskammern dienten den Massenmördern drei Gaswagen. Über eine spezielle Vorrichtung gelangten die Motorabgase in den Kastenaufbau des Wagens und töteten so bis zu 90 Gefangene.

Den Opfern erzählten die Mitglieder des Mordkommandos, sie würden in ein Arbeitslager transportiert, für das man sie zunächst einmal „desinfizieren“ müsse. Doch statt in einen Duschraum wurden sie in die tödlichen Gaswagen getrieben. Der Tod durch Ersticken kam erst nach über zehn Minuten. Wie viele an die Täuschung glaubten, ist ungewiss. Es werden nicht viele gewesen sein. Bereits auf der Zwischenstation in Kolo, 13 Kilometer von Kulmhof entfernt, zeugt eine Inschrift davon, dass die meisten wussten, welches Schicksal sie erwartete: „Juden, wartet nicht, hier bleibt ihr nur einen Tag – dann fahrt Ihr in den Ofen – 13. Transport“.

Für die „Entsorgung“ der Leichen waren als Arbeitshäftlinge eingeteilte Gefangene, meist Juden, zuständig. Unter Todesängsten vergruben sie im streng überwachten „Waldlager“ die Opfer ihrer Vorgesetzten, nachdem sie sie nach Wertsachen untersucht hatten. Die Furcht war berechtigt: Nach einiger Zeit entledigte sich das SS-Sonderkommando auch von ihnen und ersetzte sie durch Neuankömmlinge.

Kaum Spuren und Berichte

Das Lager Kulmhof überlebt haben nur drei Männer: Szymon Srebrnik, Michal Podchlebnik und Mordechai Zurawski. Auch von dem Lager selbst sind heute kaum mehr Spuren sichtbar. Direkt nach der Befreiung der Region begann eine polnische Untersuchungskommission, die wenigen verbliebenen Beweismittel zu bergen. In unmittelbarer Nähe zum „Schloss“ fanden sie 24.000 Löffel, Scheren, Brillen sowie Kinderspielzeug vergraben. Auch Augenzeugenberichte der Anwohner und Handlanger hat die polnische Untersuchungskommission dokumentiert.

„Nach dem Mittagessen wurden die Leichen aus fünf Autos begraben. Aus einem Auto wurde eine junge Frau mit einem Säugling an der Brust herausgeworfen. Es saugte die Milch der Mutter und starb. An diesem Abend arbeiteten wir im Licht der Scheinwerfer bis sieben Uhr abends. Auch an diesem Tag fuhr ein Auto aus Versehen so dicht an die Grube, dass wir die erstickten Schreie und das verzweifelte Rufen der Opfer sowie das Pochen an den Türen hörten.“ Szlojme Fajner war einer der Zwangsarbeiter in Kulmhof. Ihm gelang im Januar 1942 die Flucht in das Warschauer Ghetto, einen Monat später protokollierte das Jüdische Untergrundarchiv seinen Bericht. Dem Holocaust entkam Fajner indes nicht, er wurde im Vernichtungslager Belzec ermordet.

Nach dem Krieg blieb die erste Massenvergasungsanlage in Chelmno nad Nerem lange Zeit nahezu unbekannt. Erst 1964 wurde vor Ort ein Denkmal für die ermordeten Juden errichtet, 1990 kam ein kleines Museum dazu. Mit der Ausstellung will das Centrum Judaicum verhindern, dass dieser zentrale Tatort des Holocaust in Vergessenheit gerät.

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Februar dieses Jahres zu sehen. Ort: Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28/30. 10117 Berlin. (täglich Sonntag bis Freitag; samstags geschlossen)

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de

Weitere Artikel

„Aufstand gegen die Moderne“

07.03.2012 -

Der Fundamentalismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Doch woher kommt der Erfolg der Populisten und Demagogen? Dies erläuterte der renommierte Antisemitismusforscher Wolfgang Benz am Dienstagabend in Berlin. Ein Anliegen ist ihm dabei auch die fortwährende Aufklärung von Vorurteilen.

Voreingenommen gegenüber NS-Untaten

12.04.2011 - Das Lebenswerk von Benjamin Halevi, Richter im Jerusalemer Eichmann-Prozess.

Der Manager des Völkermords vor Gericht

03.05.2011 - Eine Ausstellung in der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin über den Jerusalemer Prozess gegen Adolf Eichmann.

Der Demokratieverteidiger

15.12.2011 -

Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter engagiert sich seit Jahren gegen Neonazis. Jetzt hat er dafür den „Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus und Rassismus“ erhalten.