Beklemmendes Doku-Drama

Von Jörg Hafkemeyer
25.01.2016 -

Ein Politikum: Mit „Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe“ zeigt das ZDF einen Film über die Hauptverdächtige des noch laufenden NSU-Prozesses. Er liefert Einblicke ins Innere der rechtsextremen Terrorgruppe.

Beate Zschäpe (Lisa Wagner) und BKA-Mann Troller (Joachim Król). (Quelle: „obs/ZDF“ / Janett Kartelmeyer)

Was ist das eigentlich für ein Film von Hannah und Raymond Ley „Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe“? Es ist ein 90 Minuten langes, hoch interessantes Doku-Drama, das im Jahr drei des NSU-Prozesses am 26. Januar um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt wird. Es ist aber noch sehr viel mehr: eine notwendige, spannende und politische Deutschstunde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Gut erzählt und sehr gut gespielt. Worum geht es?

Sommer 2012: Die seit dem Auffliegen der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) inhaftierte Beate Zschäpe bekommt die Erlaubnis, ihre Großmutter in Thüringen zu besuchen. Das Bundeskriminalamt (BKA) organisiert die Fahrt, schickt zwei erfahrene Verhörspezialisten mit. Lisa Wagner spielt Beate Zschäpe. Christina Große und Joachim Król die Ermittler: „Wir werden sie nicht am Reden hindern,“ meint der vor der Fahrt nach Gera. Ein Geständnis erwartet er nicht. Und dazu kommt es auch nicht. Nach ihrer Rückkehr verfassen die Beamten in Köln ein Gedächtnisprotokoll der Gespräche während der Hin- und Rückfahrt. Dieses Protokoll, das es tatsächlich gibt, bildet die Grundlage des Films.

NSU: Viel versäumt, viel vertuscht

Beate Zschäpe spricht viel. Sagt aber nichts. Keine Empathie. Kein Mitleid. Kein Wort über die Opfer. Kein Wort zu den Taten. In München, und das ist einer der Kontraste zur Fahrt nach Gera, steht sie vor Gericht. Ihm sitzt Richter Götzl vor, gespielt von Axel Milberg. Er vernimmt die Opfer. Deren Aussagen sind erschütternd. „Viel ist versäumt worden. Viel ist vertuscht worden. Akten wurden vernichtet“, sagt Walid Nakschbandi, einer der beiden Produzenten und fährt fort: „Eine tatsächliche Aufklärung der Fälle gibt es bis heute nicht.“ Das denkt Axel Milberg auch und fügt hinzu: „Dokumentationen darüber sind wichtig. Spielfilme auch und es ist immer von besonderer Relevanz, mit einem Film mehr zu erreichen als gute Unterhaltung.“

Es sind die Fahrten, der Prozess, die Opferaussagen und die Spielszenen, in denen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe agieren, die diesen Film so beeindruckend, beklemmend machen, ohne jede Form der Vorverurteilung. Raymond Ley, der Regisseur, sagt es so: „Unser Film schaut hinter die narzisstische Fassade der Beate Zschäpe, die mit zwei Männern jahrelang im Untergrund lebte.“ Reue, gar Einsicht, zeigt sie nicht. Was ist das für eine Frau? Sie sagt über sich, sie sei ein „Meister des Verdrängens“ und: „Ich bin niemand, der nicht zu seinen Taten steht. Ein Opfer sagt vor Gericht: „Sie saß da, als wenn nichts gewesen wäre.“

Das ist es auch, was den Zuschauer so fassungslos macht. So beeindruckt. Natürlich auch die schauspielerischen Leistungen. Es ist ein sehr leiser Film. Sehr realitätsnah. Das ist ziemlich bestürzend. Irgendwann, im Verlauf des Streifens, gibt es eine kleine Szene, in der sich drei Ermittler in einem Hotelrestaurant treffen. Christina Große, Joachim Król und Udo Samel. Der sagt über Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe: „Sie war die schwarze Sonne für die Beiden.“ Es sind solche Momente, das überzeugende Drehbuch und die großartigen Schauspieler, die „Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe“ zu einem großen Fernsehereignis machen.

Sendetermin: 26. Januar 2016, 20.15 Uhr im ZDF (später in der ZDF-Mediathek)

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de

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